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Schauspiel Frankfurt Der Sauerteig-Morgen

Wehe dem, der darüber nicht lachen kann: „Der alte Schinken“ lässt kein Späßchen und kein Ideelein am Wegesrand liegen.

Schauspiel Frankfurt
„Der alte Schinken“ am Schauspiel Frankfurt: Andreas Vögler und Melanie Straub im Zweiaugengespräch. Foto: Felix Grünschloß

Jux hat den Nachteil, dass es dann auch wirklich sehr, sehr lustig sein muss. Das ist für Ulk-nudeliges praktisch die erste Bürgerpflicht. Sieh an. Und so geht es auch los. Heidi Ecks, Christoph Pütthoff, Samuel Simon, Melanie Straub, Andreas Vögler und Anton Weil stehen extravagant (aber weitgehend bürgerlich) angezogen vor einem roten Theatervorhang (sehr bürgerlich) und kündigen in einem hochprofessionellen Chor an, was uns erwartet: Ein Mord in bürgerlichem Milieu (man liest Thomas Mann, greift aber auch zum titelgebenden „Alten Schinken“). Es ist dann der Sauerteig des braven Bäckers Angelus Gottfried Barcomi (Straub), der dran glauben muss, woraufhin Fräulein Detektiv Moni Möhnle (Weil) die Untersuchungen aufnimmt wie weiland Hercule Poirot.

Zu diesem Zeitpunkt hofft man noch, man sei in einem gewitzten, theoretisch unterfütterten Krimi und Chasper Bertschingers farbenfrohe Bühne vielleicht sogar ein Nildampfer. Bald zeigen sich aber überdeutliche Auflösungserscheinungen. „Im Leben braucht man keinen Druck, man braucht Sog“, erklärt Fräulein Möhnle zwischenzeitlich, während sie auf der Bühne herumräumt: „Das muss hier alles weiter in die Mitte! Wer fliegen will, braucht Thermik und keinen Druck!“ Selbstverständlich ist die Mitte ein wichtiges Schlagwort – Frau Kolatschny-Mandelbaum (Pütthof) hält einen ausführlichen Monolog darüber –, und natürlich hat das Bürgertum nicht nur Thomas Mann gelesen, sondern auch im Physikunterricht einigermaßen aufgepasst. Trotzdem kommt ja gar nichts in Bewegung. Stattdessen tanzen die sechs ausführlich und in lustigen Verkleidungen um den durchaus ruhig stehenden Möbelberg.

Wenn im Text nun zum Beispiel steht, das Fräulein Möhnle habe doch „immer alle meine sieben Sachen beieinander behalten und habe immer acht gegeben“, dann können Sie sich darauf verlassen, dass alle rufen: „Neun.“ Kein Kalauer und kein Späßchen durfte zurückbleiben, jedes Ideechen musste flugs eingearbeitet werden, und so allmählich wird die Stimmung auf der Bühne erst karnevalistisch, dann hysterisch, und wer inzwischen aufgehört hat zu lachen, hat jetzt ein Problem, das noch eine ganze Weile andauern wird.

„Der alte Schinken“ ist eine „Stückentwicklung“ von Nele Stuhler und Jan Koslowski, an der sich auch das Ensemble beteiligt hat. Alter Schinken wurde im ungewöhnlichen Deckenleuchter so neckisch verarbeitet, dass man ihn eventuell erst spät bemerkt. Dass im Text eine Menge Lektüre zum Bürgertum steckt, merkt man hingegen zum Teil gleich, zum Teil nie. Beides ist auf Dauer unbefriedigend: Zweiteres eh. Ersteres aber auch, weil es so offenkundig ist – die untergehenden bürgerlichen Berufe, die hier lustig vertreten sind, das bürgerliche, hier ebenfalls lustige Arbeitsethos, die bürgerliche, hier natürlich lustige Erziehung, aber auch kompliziertere bürgerliche Gegebenheiten, die man bei Richard Sennett nachlesen kann. In den Kammerspielen sind sie aber natürlich lustig.

Es ist eine Lustigkeit, die sich gut schützt, eine von der Macht der Ironie geschützte Lustigkeit. Wer da ernst bleibt, hat immer das Nachsehen und ist ein Langeweiler. Aber das Angebot, permanent lachend mit den Augen zu rollen: Es funktioniert zwar, aber es führt zu nichts.

Die Frankfurter Schauspieler aber waren länger nicht so beschwingt bei der Sache, so gewandt, so elastisch und auch so hingebungsvoll. Das hat eine deprimierende Note, wie sie ihre Möglichkeiten in einen so mageren Text versenken, jedoch eben nur für die, die sich nicht kaputtgelacht haben. Einige haben.

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