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Schauspiel Frankfurt Das System Familie hat Krallen

Die Grenze zwischen Reduktion und Dürftigkeit verschwimmt, aber der Sog der Ereignisse ist enorm: Anselm Weber zeigt Arthur Millers „Alle meine Söhne“.

Szene aus „Alle meine Söhne“
Sie lieben sich doch: Mutter und Sohn Keller, Katharina Linder und Nils Kreutinger. Foto: Hans Jürgen Landes

Nichts stellt sich zwischen das Publikum und die wuchtige Geschichte. Trotzdem lachen einige, andere weinen aber, und es kann schwächer sein im Theater und es kann sich mehr verlaufen im Schauspielhaus Frankfurt, wo Arthur Millers einstiges Erfolgsstück „Alle meine Söhne“ auf einer in die ersten Reihen vorgeschobenen kleinen Extrabühne zu sehen ist. 

„Alle meine Söhne“ ist wahrlich ein Kammerspiel, und als solches präsentiert es der neue Intendant Anselm Weber in einer Inszenierung, die er im Mai zu seinem Abschied vom Schauspielhaus Bochum herausbrachte. Zunächst einmal eine spröde, so genannte schnörkellose Affäre. Die Schauspieler können froh sein, wenn sie sich einmal setzen dürfen – ein paar Gartenstühle stehen herum, aus der blauen Lamellenrückwand lässt sich außerdem unerwartet eine Bank herausklappen. Zum Hantieren bekommen die Figuren fast nichts, eingangs zum Beispiel eine Zeitung und einen knallroten, irgendwie sinnfälligen Apfel, den die Mutter dann aber lapidar aufisst. 

Die Zuschauer können hingegen froh sein, wenn sie begreifen, warum Lydia Merkels Bühne so leer und reinlich ist und Irina Bartels’ Kostümauswahl so buntstiftfarbenbunt. Die Ausstattung ist ein nicht übermäßig überzeugender Kompromiss aus Unauffälligkeit, Nichtfestlegung und – das ist unglückselig – boulevardeskem Chic, andererseits: Die Kellers sind im kecken Missverhältnis zu ihrem Namen gesellschaftlich hochgeklettert, man hat Niveau, Geld und Neider.

Auch will Weber offenbar nicht, dass man die Handlung ihrer von Miller vorgesehenen Zeit, „wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs“, zuordnen kann. Obwohl die Wirkung dieser maximalen Aktualität bei der Uraufführung 1947 in New York beträchtlich gewesen sein muss. Auch will Weber offenbar nicht, dass irgendetwas ablenkt, außer Andeutungen von Musik (Thomas Osterhoff) und eine Art Sommernachtslaubprojektion (Bibi Abel), die zwischenzeitlich die gleißend hell erleuchtete Bühne in ein nicht weiter extemporiertes Mysterium taucht. Auch die Schauspielerinnen und Schauspieler sollen sich, dürfen sich nicht vordrängen. 

Die Grenzen zwischen Reduktion und Dürftigkeit, zwischen Purismus und übertriebener Bescheidenheit, zwischen respektabler Solidität und nach hinten losgehender Risikominimierung, sie sind hier nicht mehr klar erkennbar. Umso besser dafür die Strukturen des Stückes, das von Schuld und Sühne im Kapitalismus handelt, und vom trotz einschlägiger Erfahrungen noch immer unglaublich effizienten Selbsterhaltungstrieb des kraftvollen, aber problematischen Systems Familie. 

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