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Schauspiel Frankfurt Das Sterben ist in echt aber gar kein Theater

„Mut und Gnade“: Luk Perceval illustriert für das Schauspiel Frankfurt einen Krebstod mit schönen Bildern und den Konventionen des exaltierten, körperbetonten Spiels.

Stilles Tableau, spiegelglattes Wasser. Foto: Robert Schittko

Das Sterben, das lange Sterben, wie soll man es aushalten, wie darüber sprechen? Der amerikanische Autor Ken Wilber, Vertreter der spirituell orientierten „Integralen Theorie“, hat über den sich fünf Jahre lang hinziehenden Krebstod seiner Frau Anfang der neunziger Jahre ein Buch geschrieben. Treya Wilber, deren eigene Aufzeichnungen ein zentraler Bestandteil von „Mut und Gnade“ sind, ist bei der ersten Diagnose Anfang 30, in die Zeit der Flittwochen fällt die erste OP. Das Buch wurde ein Longseller, auch wer dem weltanschaulich-denkerischen Anteil zurückhaltend gegenübersteht, kann sich der akribischen Schilderung eines Hin und Her der existenziellsten Art schwerlich entziehen. Der Regisseur Luk Perceval, seinerseits praktizierender Buddhist, zeigt dazu nun einen Abend gleichen Titels, seine erste Arbeit für das Schauspiel Frankfurt. 

Im Bockenheimer Depot hat Philip Bußmann dafür ein breites, die Seitenschiffsäulen noch einbeziehendes Wasserbecken bauen lassen. Es ist sehr dunkel, ein vorweggenommenes Totenreich, die Figuren, die sich hierin bewegen, scharf ausgeleuchtet. Knöcheltief steht das Wasser, aber die Beteiligten werfen sich auch voll rein. Dem Gerutsche, Geplatsche und Gespritze folgen Phasen völliger Ruhe, bei denen sich auch das Wasser wieder bis zum Spiegelglatten beruhigt. Es bekommt genug Zeit dazu. Seine den dunklen Raum erst plastisch machende Bewegung und sein Stillstand sind der zentrale visuelle Effekt, an dem man sich sattsehen kann. Richtung 1. Reihe schwappen Wellen. Handtücher liegen bereit. 

Virtuosität und Fitness werden engagiert ausgestellt

Vier Schauspielerinnen – Katharina Bach, Claude De Demo, Luana Velis und Patrycia Ziolkowska – und vier Schauspieler – Sebastian Kuschmann, Rainer Süßmilch, Andreas Vögler und Uwe Zerwer – sind Ken und Treya Wilber. Die Männer bleiben meistens am Rand, hilflose Zeugen der Verzweiflung. In den zahlreichen choreografischen Elementen (Ted Stoffer) sind sie altmodisch, aber auch rührend fürs Heben zuständig. Was sollen sie anderes tun, als wenigstens ihre Kraft und Liebe zur Verfügung zu stellen? 

Der wenige Text, zusammengestellt von Perceval und der Dramaturgin und Frankfurter Vize-Intendantin Marion Tiedtke, führt sehr knapp durch die Stationen der Krankheiten, die unterschätzte Erstdiagnose, die Brustamputation, das Krankenhausleben, die Hoffnung nach einem Jahr des Kummers, der Rückfall, die Chemotherapie und die Nebenwirkungen und die Unaufhaltsamkeit. Parallel dazu das Hadern und die Frage nach dem Warum, schließlich das Loslassen, das noch nicht der Tod ist, sondern das Nicht-mehr-weiterleben-Müssen. Meist sprechen die Frauen, mal in sich verknäulenden Endlosschlaufen, mal chorisch, mal fugenartig. Es wird geschrien, geflüstert, Mikrofone hängen von der Decke, in die auch geatmet wird, die wütend Richtung Publikum geboxt werden. 

Denn ist ein Satz gefallen, ist ein neuer Gedanke eingespeist, wird er – offene Türen einrennend – ausführlich illustriert. Lebensfreude und die Wut gegen die Krankheit lassen das Wasser aufspritzen, mit Bauchplatschern, einem Sich-Wälzen, gemeinsam, alleine. Flache Hände schlagen auf die Fläche, die Frauen schlagen sich außerdem an die Brust (um die es geht). Dann wieder stille Tableaus. Die Frauen fragen die Männer, was sie machen sollen. Die Männer wissen es nicht. Das muss ebenfalls illustriert werden. Die Männer zeigen alle Arten von Schulterzucken. Es ist virtuos, auch ein bisschen amüsant. Es ist einer der Momente, in denen der persönliche Eindruck, dass eine Unangemessenheit im Spiel ist, sich in den objektivierbareren Bereich schiebt. Ein anderer: Zur OP, die Frau liegt auf dem Rücken, sieht die Decke, hangeln die Frauen an den Mikroseilen, demonstrieren ein Ausgeliefertsein mit dem Blick nach oben. Das ist aber gar kein Ausgeliefertsein, sondern eine kunstvolle Körperübung. 

„Mut und Gnade“ muss für die acht Spielenden unglaublich anstrengend sein, nicht nur weil sie über weite Strecken klitschnass sind. Alles zielt auch auf eine körperliche Verausgabung, die hingebungsvoll geliefert wird, und sei es, dass Bach kreiselt, kreiselt und kreiselt, sei es, dass Vögler nicht mehr aufhört zu springen. Anders als ein Mensch, der wegen Krebs in Behandlung ist, sind sie allerdings auch alle total fit. Ihr Schauspielerdasein und ihre Fähigkeiten als Schauspieler stellen sie selbstbewusst zur Verfügung, arbeiten mit den Mitteln der Schauspielerei. Desto länger der Abend dauert (zweieinhalb Stunden, keine Pause), umso deutlicher wird das. Zu sehen sind aus dem Geist und der Praxis der Improvisation entwickelte Variationen von Gefühlsausdrücken und den letztlich begrenzten Bewegungsspielräumen von Menschen im flachen Wasser. 

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