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Schauspiel Frankfurt Das Spiel vom Tod

Fast eineinhalb Stunden tut die Schauspielerin Kathleen Morgeneyer in "Horror Vacui" nichts als Tode zu spielen, zu sagen, zu behaupten. Sie steht auf einer großen weißen Bühne allein da und schaut uns an. Wie gut tut es dieser Schauspielerin, wenn sie eine strenge Form hat!

Stirbt gefühlte 157 Tode: Kathleen Morgeneyer in „Horror Vacui“. Foto: Birgit Hupfeld

Der Tod ist und bleibt ein Ärgernis. Er ist ein im Kern unerträglicher Skandal: Nicht weil man stirbt, sondern weil man nicht weiß, was (oder wer) er ist. Man weiß nichts über ihn, außer dass er das Ende dessen markiert, was wir wohl vor allem aus Gewohnheit das Leben nennen. Der Tod ist die Vorderseite einer Medaille, bei der man noch nicht einmal weiß, ob sie eine Rückseite hat. So ist alles Reden und Denken über den Tod am Ende immer nur ein Reden und Denken über das Leben. Und trotzdem bekommt dieses Reden eine eigene Qualität, wenn es gegen die stoische Blindheit des Todes anrennt.

Das tut nun die außerordentliche Schauspielerin Kathleen Morgeneyer im Bockenheimer Depot in Frankfurt am Main. Fast eineinhalb Stunden tut Morgeneyer nichts als Tode zu spielen, zu sagen, zu behaupten. Sie steht auf einer großen weißen Bühne allein da, schaut uns an und sagt, dass sie gerade gestorben ist. Oder sie schießt sich in den Kopf und fällt um. Und wiederholt und wiederholt das. Oder sie sagt die Namen der berühmten Frauen der Dramengeschichte und wie sie zu Tode kamen. Die Damenopfer: „Phädra vergiftet sich.“

Etwa 157 Tode

Es sind auch ironische oder lustige Tode dabei. Eine trockene Nudel wird unter dem lauten Krachen des hautnah aufgenommenen und verstärkten Tons von Morgeneyer zerbissen. Oder sie stürzt sich von einer Leiter auf den Boden eines Schwimmbeckens, das zauberisch auf den Bühnenboden projiziert wird. Damit beginnt das wiederholte Sterben an diesem Abend. Gefühlt folgen dann etwa 157 Tode, die Morgeneyer stirbt. Es ist eine hervorragende, befreiende Idee des Regieduos „Auftrag:Lorey“, Morgeneyer in dieses starre Korsett zu stecken. Nachdem sie vor ein paar Jahren die Nina in Jürgen Goschs „Möwe“ umwerfend wie das Opfer an sich selbst eines Wesens aus einer anderen Welt gespielt hatte, wollten alle das wieder und wieder von ihr sehen, auch am Schauspiel Frankfurt. Das aber war eine Falle, in der Morgeneyer gnadenlos sich selbst ausgeliefert wurde, in der Hoffnung auf eine große Emotion.

Die Mischung aus serieller Narrationsstruktur und medial-technischer Situation, in die „Auftrag : Lorey“ sie jetzt stecken, ist dagegen ganz anders. Sie ist trocken, blank und klar. So kann man wieder erleben, was für eine wesenhafte Schauspielerin Morgeneyer doch ist. Mit welchem nüchternen, quasi nackten Mut sie in jede Situation, auch den Tod hineingeht. Wie gut tut es dieser Schauspielerin, wenn sie eine strenge Form hat!

Ich, Geist, Seele

Jedes Spiel vom Tod spielt mit der Trennung von Körper und – ja was? Ich, Geist, Seele. Diese Trennung steckt von vornherein in den Anordnungen, die „Auftrag:Lorey“ für Morgeneyer erfunden haben. Sie haben die Aufführung sozusagen in diese Lücke hineinkonstruiert. Morgeneyers Wirkung ist dadurch wieder ebenso befremdend wie berührend. Sie erscheint dann wie ein Engel, körperlich und doch entrückt, zart und doch präsent. Das geht hin bis zu großen Gesichtern, die ebenfalls kunstvoll auf den Bühnenboden projiziert werden. Diese Gesichter, zu denen Morgeneyer erzählt, dass sie sich an sie erinnert und wie sie zu Tode kamen, sind nicht nur letzte Bilder einstmals Lebender, sondern erscheinen auch wie Direktübertragungen von Gesichtern aus dem Publikum. Dadurch steckt man in einer Zwischenwelt, was zu dem trockenen Spiel Morgeneyers sehr gut passt.

Allein das Ende – wo sich die Türen weit auf die Bockenheimer Warte hin öffnen, wo angestrahlte Statisten stehen, die auf Zeichen gehen beziehungsweise sterben, und eine Arie vom Band läuft, anschwellender Bockenheimer Gesang also – wirkt wie ein Rückfall in große Oper und überwunden geglaubte Formen der Intensitätssteigerung.

Sonst hat das Regie-Duo Björn Auftrag und Stephanie Lorey mit „Horror Vacui“ eindrucksvoll bewiesen, dass sie Spezialisten für den anderen Zustand sind. Sie steuern direkt und schnörkellos auf die Essenz des Dramatischen zu. Es ist der Zustand oder der Punkt in der Geschichte, wo das Bewusstsein bricht. Um ihn herum wurde vor sehr langer Zeit eine bis heute gültige Dramaturgie gebaut, es ist die Tragik.

Schauspiel Frankfurt, Bockenheimer Depot: 13., 16., 18.-20. März.

www.schauspielfrankfurt.de

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