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Schauspiel Frankfurt Adorno Wo die Wölfe hausen

„Wut und Gedanke“: Das Schauspiel Frankfurt kreist im IG-Farben-Haus um Theodor W. Adorno und seinen einstigen Lieblingsschüler Hans-Jürgen Krahl. Ausgezeichnet verkörpert Vincent Glander den „Robespierre von Bockenheim“.

09.03.2015 17:25
Stefan Michalzik
Der Adorno-Abend "Wut und Gedanke" mit dem Schauspiel Frankfurt: Vincent Glander als Hans-Jürgen Krahl. Foto: Birgit Hupfeld

Zum Zeitpunkt seines frühen Todes 1970 mit 27 Jahren bei einem Autounfall wurde Hans-Jürgen Krahl noch in einem Atemzug mit Rudi Dutschke genannt. Er war ein führender Köpfe der antiautoritären Bewegung an den deutschen Universitäten in den Sechzigern. Heute ist er weitreichend vergessen, obwohl sein Name mit einem wichtigen Kapitel in der Biografie seines Lehrers Theodor W. Adorno verbunden ist.

Der „Robespierre von Bockenheim“, wie ihn seine Genossen aus dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) nannten, war wesentlich an der Besetzung des von Adorno geleiteten Instituts für Sozialwissenschaften in Frankfurt am 7. Januar 1969 beteiligt.

Als Adorno die Polizei holte

Der Begründer der Kritischen Theorie hielt wenig von der Praxis der revoltierenden Studenten, die sich auf sein Denken bezogen, er ließ das Institut von der Polizei räumen. „In diesem Krahl hausen die Wölfe“, bemerkte er indigniert über seinen zum Widersacher gewordenen Lieblingsschüler.

Das Frankfurter Schauspiel ist vor Ort gegangen, an die Frankfurter Universität: „Wut und Gedanke“ von dem jungen Regisseur Christian Franke ist ein intimes Dokumentarstück über die Verbindung von Krahl und Adorno.

Der Monolog für den grandiosen Schauspieler Vincent Glander wird gespielt im IG-Farben-Haus. Dass es sich nicht um historischen Boden handelt, spielt keine Rolle: Der Bibliotheksraum erscheint mit seiner neu-antiquierten Aura als zweistöckige Büchergruft ideal. Und das IG-Farben-Haus ist mehrfach historisch aufgeladen: als einstiges Verwaltungsgebäude des Herstellers des in Auschwitz verwendeten Gases Zyklon B wie als Hauptquartier der US-Truppen in Deutschland nach dem Krieg.

Perfekt ist Vincent Glander auf Ähnlichkeit mit Krahl getrimmt. Mit Frisur und Brille im Stil der Zeit und der Kombination von Rollkragenpulli und schwarzem Cordjackett. Selbst das Glasauge, herrührend von einer Verletzung bei einem Bombenangriff als Kind, wird vorgetäuscht. Neben der Empore wird der Lesesaaltisch zur hauptsächlichen Bühne eines Solos auf Tuchfühlung.

Stelengleich ragt in der Mitte die schwarze Ausgabe der gesammelten Schriften Adornos aus der Edition Suhrkamp auf. Von Krahl ist nur der schmale Sammelband ,,Konstitution und Klassenkampf“ überliefert. Mit dem Schreiben soll er seine Last gehabt haben, redegewaltig aber war er.

Ihm gleich redet auch dieser Bühnenkrahl schnell, viel Originaltext wird verwendet. Schon die Mitgründung der Jungen Union in seiner niedersächsischen Heimatstadt Alfeld soll einen ersten Schritt zu einem liberalen Denken dargestellt haben. Über eine schlagende Verbindung führt sein Weg zum SDS; die Lektüre von Adornos ,,Minima Moralia“ wird zum Erweckungserlebnis.

Der bedrängte Schöngeist

Weshalb bekennt sich Adorno nicht öffentlich zu den Studentenprotesten, wie Sartre es in Frankreich tat? Diese Frage treibt Krahl um, die Figur bedrängt Adorno, sehr komisch ist die Szene, in der dieser zur Antwort aus einem Kassettenrekorder in Splittern von schöngeistigen Dingen wie „Schönberg, Mahler, Kandinsky“ spricht.

Wütend schleudert Glander/Krahl Bibliotheksbände aus den Regalen heraus, er singt – wie Krahl es gern getan haben soll – Heintjes Kinderstimmenschlager „Mama“ als italienische Canzone mit einem kräftigen Bariton und verweist amüsant auf einen Hang zum übermäßigen Genuss von Doppelkorn, Bier und Zigaretten.

Es gelingt dieser Inszenierung ganz fabelhaft, das intellektuelle Klima dieser Zeit wie auch die widersetzlichen Charaktere der beiden Kontrahenten fassbar zu machen. Ein wenig Humor schwingt am Rande in diesen wohlerwogen lebhaften anderthalb Stunden immer mit.

Dem Krahl werden aktuelle Aperçus eingeschrieben, etwa mit Blick auf das Center of Financial Studies an der Frankfurter Universität und den bedenklichen Einfluss der Großbanken als Geldgeber. Diese kleine Theaterarbeit ist ein gelungener Coup.

Schauspiel Frankfurt im IG-Farben-Haus: 14., 21., 22. März. www.schauspielfrankfurt.de

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