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Schaubühne Berlin Hier spielt das Einmannorchester

Zieht Lars Eidinger das bis 2056 durch? Thomas Ostermeiers „Hamlet“ revisited.

Perlend, knallend: Lars Eidinger als Hamlet. Foto: Arno Declair

Auch die Schaubühne brachte an ihrem letzten Spieltag einen ihrer Dauerbrenner. Vergangenen Mittwoch ist das Deutsche Theater mit Jürgen Goschs „Möwe“ in den Sommer gegangen, und am Sonntag folgte die Schaubühne mit Thomas Ostermeiers „Hamlet“. Auch diese Inszenierung gibt es seit zehn Jahren, tourt durch die Welt und ist immer ausverkauft. Noch eine Gelegenheit, eine eingespielte Produktion zehn Jahre nach der Premiere zu begutachten, das eigene Urteil von einst zu prüfen und eine kleine Zeitreise zu machen.

Letztere wollte diesmal allerdings nicht gelingen. Deprimierender Weise lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen, ob es an der Inszenierung lag oder am Kritiker. Und wenn letzteres zutreffen sollte, bliebe unentschieden, ob seine Verfasstheit im September 2008 oder am vergangenen Sonntag verhinderte, dass sich dieses wundersame Wiedererleben, wie es sich bei der „Möwe“ zugetragen hat, nicht einstellte. Schieben wir es, wie es Kritikerbrauch ist, auf das Bühnenwerk.

Natürlich gibt es auch hier Erinnerungen, die sich eingeprägt haben: Die umwerfende Spielgier von Lars Eidinger in der Titelrolle, das Setting mit dem als Videoleinwand fungierenden Goldkettenvorhang und dem Bühnenboden voller Blumenerde, die lustvolle Herumsauerei mit Dreck, Blut, Spucke, Wasser und Shakespeare-Text (Übersetzung von Marius von Mayenburg).

Aber nur in ganz wenigen Momenten kommt man als Zuschauer dazwischen, lässt Lars Eidinger die Gelegenheit, sich mit seinem Hamlet zu identifizieren. Das war und ist natürlich Absicht. Mit tausend Finten weicht dieser Hamlet aus, schlägt mit seiner Virtuosität um sich. Er stürzt sich mit Verve und Lust in die Pose des Wahnsinns, gibt aber nie auch nur ein bisschen die Kontrolle an ihn ab. Die betonte Gemachtheit dieses Theaters – Musik, Kamera, Mikrofon, Rollenwechsel auf offener Bühne – tut das Ihre dazu, dass der Zuschauer sich sicher sein kann: Hier wird keiner verrückt, sondern hier wird verrückt gespielt.

Shakespeare reißt diese Sicherheit immer wieder auf. Immer wieder zweifelt man bei ihm, ob Hamlet weiß, was er tut und wie ihm geschieht. Ostermeier aber hat Hamlet zum Kollegen gemacht: Sämtliche Situationen laufen in der Regie des Dänenprinzen, sieht man mal von dem Missgeschick mit dem Gift beim Fechtkampf-Showdown ab, das hat ja auch Claudius angerührt. Das kommt davon, wenn auch andere die Gelegenheit zum Handeln bekommen, statt auf die Vorgaben des Regisseurs zu reagieren.

Da hatte der Kritiker, der ich damals war, schon recht mit seinem Ärger darüber, dass die anderen Schauspieler viel zu wenig zum Zuge kommen, sondern nur als Absprungbretter für die tollen Eidinger-Nummern fungieren. Das liest sich zehn Jahre später leicht didaktisch und missgünstig, zugegeben. Zumal die Kritik von damals einen sehr langen Anlauf mit einer stasi-metaphorischen Hamlet-Lesart nimmt – woher kam das? Man hätte Eidinger durchaus mehr würdigen sollen. Ja, er greift geschmacklich mehrmals ziemlich tief, und er gibt die Rampensau, aber mit welchem Einfallsreichtum, mit welcher Schlagfertigkeit! Die Sicherheit und Wendigkeit, mit der er seinen Körper bedient, seine unerschöpflichen Sprech- und Spielweisen anreißt, auch die Angstlosigkeit und Frechheit im Umgang mit den Kollegen und mit dem Publikum – das ist sehens- und bestaunenswert.

Wie unerschrocken er sich als Meisterleistungsinstrument zeigt und hergibt, das macht die Inszenierung erfolgreich – und weist auf Hamlet, der es sich im Stück verbittet, wenn andere versuchen, auf ihm zu spielen, als wäre er eine Flöte. Eidinger pfeift drauf. Sein Hamlet ist ein Einmannorchester – und losgespielt!

Es fehlt eigentlich nur der Grundton des Zweifels. Man kann sich als Zuschauer trösten mit den zur Gedankenarbeit einladenden Textstellen, in denen die Wesenssicherheit von Selbst und Welt aufgebrochen und weggeblasen wird. Zu spüren bekommt man den Abgrund des Wahns aber kaum, geschweige denn, dass man einen Schritt hinab wagen würde. Gosch hat die Erfahrungswelt um gemeinsam mit den Figuren durchlittene Situationen bereichert. Bei der Wiederbegegnung wurde klar, dass man das Leben mit diesen Figuren teilt, auch wenn man gar nicht viel über sie weiß. Sie sind da.

Eidingers Hamlet ist zwar ohne echtes Geheimnis, aber voller perlender und knallender Überraschungen. Man bekommt nicht genug von ihm. Mal sehen, wie lange er dieses Pensum schafft, 2028 wird wieder nachgeschaut. Wie bei dem Shakespeare-Forscher Dieter Mehl nachzulesen ist, spielte Thomas Betterton (ca. 1635-1710) 48 Jahre lang Hamlet. Wenn Eidinger bis 2056 durchzieht, hat er den Rekord geknackt. Er ist dann 80.

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