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Schaubühne Berlin Die Abkürzung

Trickreiches Selbstabschaffungstheater mit „Shakespeare’s Last Play“ in einer Inszenierung von Bush Moukarzel und Ben Kidd.

Berliner Schaubühne
Shakespeares Last Play an der Berliner Schaubühne: Das junge Paar, Jenny König und Mark Waschke. Foto: Gianmarco Bresadola

Wer hatte nicht schon metaphysische Memento-mori-Anwandlungen, wenn die ungerührte Stimme des Navigationssystems das Ende der Reise ansagt: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Im Globe-Saal der Schaubühne klappt zu Beginn die Spielfläche auf wie eine Jakobsmuschel: unten liegt die Landschaft – ein kleines Stück Küste und flaches Wasser; auf der Rückwand zeigt die dazugehörige Navi-Karte eine blaue Spur. Die Route wird immer kürzer, und die rote Zielmarkierung rückt in Sicht: der Tod.

Gegeben wird in diesem Setting des Dubliner Regie-Duos Bush Moukarzel und Ben Kidd (Dead Centre) das der Legende nach letzte Stück von William Shakespeare: „The Tempest“: „Der Sturm“. Es ist das einzige, zu dem keine literarische Quelle gefunden wurde. Möglicherweise war der über eine Mittelmeerinsel herrschende Prospero auch Shakespeares letzte Rolle als Schauspieler. Das Stück steckt voller Gänsehautmomente, die nach Abschied klingen, und die ganze Konstruktion lässt sich als die desillusionierende Lebensabrechnung eines Theatermannes verstehen.

Alles, was geschieht, ist von Prospero, dem ehemaligen Herzog von Mailand, gesteuert. Einst wurde er mit seiner dreijährigen Tochter Miranda von seinem Bruder Antonio auf dem Meer ausgesetzt und dem Tod überlassen. Das Stück beginnt zwölf Jahre danach, als Antonio (hier Antonia, gespielt von Nina Kunzendorf) mit Alonso, dem Herzog von Neapel (Thomas Bading), dessen Sohn Ferdinand (Mark Waschke) und dem alten Rat Gonzalo (hier der junge Moritz Gottwald) vorbeisegelt und per magischem Navi auf Prosperos Insel strandet. Die zu erwartende Rache bleibt aus, stattdessen werden Ferdinand und Miranda ein Paar; Prospero schwört seinen magischen Fähigkeiten ab, und alle fahren nach Hause ins richtige Leben.

Eine Weile folgt der Abend diesem Geschehen, die Figuren agieren wie ferngesteuert – von besagten Navi-Linien und einer Stimme aus dem Off. Sie gehört Moukarzel, also Prospero, also Shakespeare himself, der offenbar in einer künstlerischen Krise steckt und die Szenen eher lustlos anlegt und notfalls abbricht. Als die Figuren ihren eigenen Willen entdecken, nämlich wenn Miranda (Jenny König) lieber noch ein bisschen warten will mit dem sexuellen Vollzug des Happy Ends, kommt es zu ersten Bildstörungen. Bald wird dem Fädenzieher klar, dass alle Lebenslinien gleich enden, was ein dickes Wozu nach sich zieht.

Das Geschehen löst sich auf: Das Meerwasser läuft ab, Shakespeares Kadaver taucht auf dem Grund auf, und die verwaisten, hungernden Schauspieler beginnen, im großen Zweifel am Sinn der Kunst und ihres Tuns, ihn zu verspeisen. Für den Berichterstatter am Widerwärtigsten war der spritzende Biss in einen abgehackten Fuß, von dem zuvor noch schnell die nasse Socke gestreift wurde.

Nach hundert Minuten schließt sich der Muscheldeckel über dem Abgrund und der Frage: Ist es in dieser rettungsbedürftigen Welt zu rechtfertigen, auf einer Wohlstandsinsel Theater zu spielen? Man könnte darüber verzweifeln, aber es macht die Sache nicht besser, wenn es sich dabei um Selbstabschaffungstheater handelt und die Spieler in aller Buchstäblichkeit die Köpfe in den Sand stecken. Zumal sie in dem trickreichen Arrangement kaum zum Spielen gekommen sind. Am Ende fühlt sich der Abend trotz der verspritzen Flüssigkeiten und der foliengeschützten Zuschauer wie eine Trockenübung an und lässt tatsächlich Zweifel an den metaphysischen Fähigkeiten des Theaters aufkommen.

 

Schaubühne Berlin: 26. April,
22.–25. Mai. schaubuehne.de

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