Lade Inhalte...

Salzburger Festspiele Zeremonien mit Rampengesang

Die Salzburger „Aida“ wird von Riccardo Muti fein dirigiert, ist aber von Shirin Neshat leider konventionell inszeniert. Trotz der vokalen Kunst von Anna Netrebko.

Anna Netrebko
Die Sopranistin Anna Netrebko als Aida. Foto: afp

Die italienische Oper ist immer ein fester Programmpunkt der Salzburger Festspiele. Seit längerem führt dabei Maestro Riccardo Muti das strikte Regiment. Beim Schlussapplaus der diesjährigen „Aida“-Neuinszenierung fiel auf, wie lieb und sorgsam er sich um die mit lebhaften Buhs empfangene Regisseurin Shirin Neshat bekümmerte, mit der er ebenfalls auf einer Art Familienfoto im Programmheft posiert. Muti hat vermeintlich Grund zur Dankbarkeit, denn das Bühnenarrangement mit den zu Arien und Ensembles brav an der Rampe aufgestellten Sängern sowie den statisch und übersichtlich geführten Choristen (solid: die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor) machte ihm die Arbeit bequem.

Muti gab mit den Wiener Philharmonikern klare Umrisse und scharfe Akzente, wirkte in seiner Verdi-Diktion wohltuend sachlich und dennoch heißblütig, dabei kammermusikalisch feingliedrig. Das Orchester, bei Schostakowitschs „Lady“ (FR v. 4.8.) ein berstender Energiepool, schien völlig verändert zum Fundus sensibel-hellhöriger Klangzaubereien. Wunderbar die Ruhe und Versunkenheit der ersten Orchestereinleitung und der finalen Duett- beziehungsweise Terzettstrecken. Daneben wirkten die offiziellen Haupt- und Staatsaktionen, insbesondere der Triumphmarsch, unbombastisch zurückgenommen.

Starauftritt von Anna Netrebko

In Österreich wird der Klassikbetrieb fast wie anderswo Pop empfunden; so erklärt sich das Gewese, das hier schon lange vor dem Starauftritt Anna Netrebkos gemacht wurde. Dabei fügt sich die Aida-Sängerin eigentlich immer ohne Allüren in alle möglichen Konzepte ein und agiert ähnlich hingegeben und werkbezogen wie Muti. Ihre vokale Kunst bietet eine von der tiefen Lage bruchlos über weite Register in die höchsten Höhen aufsteigende Legatofähigkeit, dynamisch reich abschattiert und frei von Verengungen oder intonatorischen Schummeleien. Brennende Expressivität à la Callas ist ihre Sache nicht; der Nimbus der Diva ist ersetzt durch ein Timbre wohltemperierter Weiblichkeit, ja Mädchenhaftigkeit. Kaum nach stand dieser Verkörperung die Amnerisrolle mit Ekaterina Semenchuk, einer sonor und diskret tragfähigen Stimme des Leidens und der Leidenschaft. Der Mann im erotischen Dreierbund: Francesco Meli als Radamès, ein leicht ansprechender, auch über das Orchestertutti sich mühelos erhebender Tenor, klug mit Kopfstimme disponierend beim ätherischen Schlussduett mit Aida. Kraftvoll der Amonasro von Luca Salsi, Inbild eines bösen Verdi-Vaters.

Mutis geschätzte künstlerische Partnerin, die Exiliranerin Shirin Neshat, war für den musikdramatisch erwartungsvoll beflügelten Opernfreund dann leider aber doch die Enttäuschung des Abends. Festspielleiter Markus Hinterhäuser erhoffte sich von der ersten Opernarbeit der bewunderten Fotografin und Filmemacherin („Women without men“) wohl eine ähnliche Sensation, wie sie der Opernneuling Christof Schlingensief einst bei „Parsifal“ in Bayreuth bedeutete.

Während dieser aber ein anarchisches Temperament paradieren ließ, erschöpfte sich Shirin Neshat im Zeremoniellen und Konventionellen. Steif uniformierte Chortableaus, bis ins Ridiküle edle Kostüme (Tatyana von Walsum), bei den Solisten ausgreifendes, aber nichtssagendes Gestikulieren, in den Triumphpassagen Tänzelnde mit Tiermasken, was chthonisch gemeint sein mochte, aber neckisch ausgeführt. Undsoweiter.

In Neshats feministisch-islamkritischen Filmen gibt es einen Anhauch von Riefenstahl-Ästhetik, nicht Massen als Ornament, aber doch kollektive Körperlichkeit in ornamenthaften Gruppierungen – davon waren auch Anklänge in der kaum ägyptisch markierten „Aida“-Opernsphäre spürbar. Das Gewaltförmige des Verdischen Pharaonenreiches war nicht nur stilisiert, sondern ästhetisiert und ins Bilderbuchhafte verharmlost. Immerhin gestattete die Drehbühne, der Vorderansicht der versammelten Sieger eine Kehrseite mit einem Flüchtlingstrüppchen entgegenzusetzen. Bescheiden und fast unbewegt diese Opfer, undenkbar als Subjekte des Widerstands.

Mitten in der durch rituelle Sistierung kaschierten Opernunerfahrenheit versah das Bühnenbild von Christian Schmidt den Part von wohlfunktionierender Routine: zwei mächtige weiße Kästen, die flexibel handhabbar waren als geöffnete Orte von Aufmärschen oder geschlossene Wände, hinter denen unabwendbare Entscheidungen getroffen werden. Ohne diese hellen, wenn auch deutlich Styropor atmenden Baulichkeiten hätte die ganze Szene unschwer ins Muffige rutschen können. So behielt diese „Aida“ wenigstens ein oberflächlich repräsentables Festspiel-Gepräge.

Ein gelungenes Detail sei nicht verschwiegen, zeigt es doch immerhin Shirin Neshats Tangiertheit von den Emotionen des Stoffes. Am Schluss wankt Amneris verzweifelt an der Mauer entlang, hinter der der Geliebte mit dem Tode ringt. Ein Mitleid erregendes Bild: die Ausgeschlossene kann nicht wie Aida den Tod mit dem Ersehnten teilen, bleibt diesseits einer phantasmagorisch schönen utopischen Vereinigung ganz allein.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum