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Salzburger Festspiele Sehr nett, ulkig, was?

Und noch ein Musical: Die „Salzburger Dreigroschenoper“ macht es uns bequem, ist aber zugleich eine Unverschämtheit.

Kopflosigkeit spielt eine Rolle und Sonja Beißwenger (rechts) die der Polly Peachum in „Mackie Messer“ in Salzburg. Foto: dpa

Die Musicalisierung des Schauspielprogramms der diesjährigen Salzburger Festspiele setzte sich mit der letzten der drei Premieren fort. Nach Stephan Kimmigs „Clavigo“, dem mit einiger Gutmütigkeit auch Revuecharakter zu bescheinigen wäre, und Henry Masons musikgesättigter „Komödie der Irrungen“ versteht sich das bei Bertolt Brechts und Kurt Weills „Dreigroschenoper“ zwar von selbst und liegt in der Sache. Aber den Regisseuren Julian Crouch (der 2013 den „Jedermann“ neu herausbrachte) und Schauspielleiter Sven-Eric Bechtolf sowie dem musikalischen Chef Martin Lowe reichte das noch nicht.

Sie beschafften sich bei der Kurt Weill Foundation offenbar mit einiger Überzeugungskunst die Erlaubnis, Weills Partitur im größeren Stil neu zu arrangieren und zu orchestrieren. Das klingt harmloser als es ist, wenn man sich überlegt, dass auch kein Mensch auf den Gedanken käme, an ein Werk von Puccini oder Richard Strauss – um dem subtil Schlagerhaften ebenfalls nicht völlig fern stehende Kollegen zu nennen – in dieser Weise heranzutreten.

Musicalexperte Lowe (Arrangeur des erfolgreichen Abba-Musicals „Mamma Mia!“) übernahm das jedenfalls mit Schwung und wenig Antastung der Melodien, die ihren Charakter zum Teil gleichwohl anheimgeben müssen. Peachums Morgenchoral (Wach auf, du verrotteter Christ) ist jetzt kein Choral mehr, hat aber Drive. Der Kanonensong (Soldaten wohnen auf den Kanonen, von Kopf bis Fuß behaart, nein, pardon: von Cap bis Couch Behar) erfährt eine schon etwas irritierende Entschärfung hin zur Mitklatschnummer. Die „Ballade vom angenehmen Leben“ (Nur wer im Wohlstand lebt, lebt nämlich angenehm) ist der reinste Schlager und verdient genau das lustige Sträflingsballett, das ihn nun umhüpft. Macs „Ruf aus der Gruft“, dick verpackt, rauscht ohne jedwede Textverständlichkeit vorbei, und seine Abbitte wird mit fescher Trommelgrundierung aufgepeppt.

Spieluhr-Ambiente

Das ist eine liebevoll ausgestaltete Unterhaltungsmusik mit Sinn für Spieluhr-Ambiente, bisweilen auch eine nächtlich-geisterhafte Stimmung. Derweil aber ohne jeden Sinn für, geradezu mit Verweigerung gegen (denn es kann Lowe nicht entgangen sein) das Scharfe, Sparsame, Brüske, Böse, Spröde der Weill-Musik. An ihre Stelle tritt ein erstaunliches Mehr an Pathos, Üppigkeit und zugleich Einebnung. Und, vielleicht ist das das Verrückteste: an Bequemlichkeit. Gewagt, das Bequemmachen eines Werks, das in seiner Gesamtheit genau an diesem Problem laboriert – ist die „Dreigroschenoper“ doch tatsächlich zu schön und amüsant, um dem Publikum böse Wahrheiten allzu schmerzlich um die Ohren zu hauen.

Diesmal muss sich der bürgerlich eingestellte Zuschauer noch weniger Sorgen machen als sonst schon. Dass der Haifisch-Song, den Dirigent Holger Kolodziej als Zugabe noch einmal zart und respektvoll aufgetischt, von etlichen Premierengästen allen Ernstes als Einladung zum Mitklatschen verstanden wurde, war schockierend, aber folgerichtig. An Respekt, weil das Wort eben fiel, mangelt es ohnehin nicht, nur ist das Ergebnis trotzdem eine Art versehentliche Unverschämtheit gegenüber der Arbeit des Komponisten.

Dass diese „Salzburger Dreigroschenoper“, die „Mackie Messer“ heißt, noch dazu als „einmalige Experimentalfassung“ tituliert wird, ist an sich lustig wegen des altmodischen Reklametons (welterste Neuerfindung), aber auch keck. Die Produktion hat ihrem Aufwand zum Trotz erschütternd wenig von einer „einmaligen Experimentalfassung“. Stattdessen geht es bei Crouch (auch für die Bühne zuständig) und Bechtolf lukullisch zu. Die Felsenreitschule ist eine imposante Kulisse, und geschmackssicher wird sie nicht verbaut, sondern in Szene gesetzt. Schon beim Haifisch als Antrittslied füllen sich die Öffnungen der Felsengalerien mit neckischen Schattenbildern, Macs Untaten illustrierend. Als ganze Schattenfischschwärme vorüberrasen, wird klar, dass Opulenz das Gebot der nächsten drei Stunden sein wird.

Deutlicher als gewöhnlich wird die Handlung aus den (Berliner) Zwanzigern wieder zurück nach London transferiert, ein London des 18. Jahrhunderts (die Zeit der Vorlage, John Gays von Brecht weidlich genutzte „Beggar’s Opera“). Es wird gemütlich vermengt mit Charles-Dickens-Typen (Kostüme: Kevin Pollard). Zweidimensionale Häuser und Wohnungseinrichtungen sind transportabel und dekorativ, später kommen noch Puppen ins Spiel, Kopflosigkeit spielt eine Rolle, auch weil feinsinnige Garderobenständer mittanzen dürfen. Verschiedene Monde scheinen, auch Sterne. Es ist insgesamt possierlich und etwas uncharakteristisch oder allgemeingültig, sieht aber sehr schön aus.

Bei Brecht/Weill bleibt ja offen, ob nun Macs Mitarbeiter recht hat und Pollys Seeräuber-Jenny-Song „nett“ war (sogar „sehr nett, ulkig, was?“) oder – so Mac – „Kunst“. Man ahnt, dass es um etwas Drittes gehen soll, das Leben. In der Felsenreitschule ist aber „nett“ das richtige Wort, auch fiel es schon beim Rausgehen nach tüchtigem, aber endendem Beifall.

Gern schaut man beim Zanken zu

Nun wirklich wie im Musical ist es den Figuren verwehrt, sich besonders individuell zu entfalten, weder stimmlich – teils wird lahm brav gesungen – noch schauspielerisch. Graham F. Valentine poltert sich als Peachum friedlich durch, Michael Rotschopf ist ein adretter, freundlicher, letztlich arg folienhafter Macheath. Gerne schaut man Macs Ehefrauen, Sonja Beißwenger als Polly und Miriam Fussenegger als Lucy, beim Zanken zu.

Szenenapplaus gab es für den Dietrich, der laut Brecht immer noch besser ist als eine Aktie, Wohlwollen auch noch für den Einbruch in der Bank. Der dritte Satz hingegen, „Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes“, ließ dann das Publikum stutzen. Denn ist es nicht ganz erfreulich, eine Anstellung zu bekommen? Die „Dreigroschenoper“ ist ein seltsames, auch flüchtiges, disparates Stück. Crouch und Bechtolf, ein Gespräch im Programmheft zeigt es, haben das zu hundert Prozent begriffen. Bloß zeigen möchten sie es nicht.

Zum Salzburger Dreigroschenoper-Projekt gehört auch, dass das Ensemble Modern noch in einer konzertanten Aufführung das Original besonders original präsentieren wird. Lowe gegen Weill, das wird ein brutal ungleiches Rennen sein.

Salzburger Festspiele, Felsenreitschule: Am Mittwoch gab es noch Karten für den 13., 14., 16., 23., 25., 27. August.
www.salzburgerfestspiele.at

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