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Salzburger Festspiele Kein Mayr, wenig Süßmayr

Umbau einer Huldigungsoper: Mozarts „La clemenza di Tito“ als Salzburger Eröffnungspremiere.

Salzburger Festspiele  2017
Tito (Russell Thomas) auf dem Siechlager, emotionsstark durchglüht Sesto (Marianne Crebassa). Foto: Ruth Walz/Salzburger Festspiele

Markus Hinterhäuser, der neue Intendant der Salzburger Festspiele, agiert geschickt und erntet allenthalben Vorschusslorbeeren. Auch die bei solchen Amtswechseln gewohnheitsmäßigen Raunzereien der Wiener Medien blieben bislang aus. Drei von fünf Opern-Neuinszenierungen des laufenden Sommers betreffen Werke des 20. Jahrhunderts. Zwei breite Komponistenporträts durchziehen das Programm: „Zeit für Schostakowitsch“ und „Zeit für Gérard Grisey“. Und die Eröffnungspremiere brachte nun weit mehr als einen Achtungserfolg.

Mozarts „La clemenza di Tito“ in der Regie von Peter Sellars, dirigiert von Teodor Currentzis. Diesmal war es vor allem die musikalische Seite, die für einen sensationellen Eindruck sorgte. Das von Currentzis gegründete und schon zu Welterfolg gebrachte vokal-instrumentale Kollektiv „musicAeterna“ aus dem russischen Perm frappierte mit einem überwältigenden Chorvolumen, nicht zuletzt in den Männerstimmen. Das herrlich nuanciert spielende Orchester hatte solide Verdistärke mit reich besetzten Streichern (vier Kontrabässe).

Aparte Ideen

Vielleicht ist es erhellend, eine gleichrangige Referenzaufführung zu erwähnen, die Titusarbeit der Academia Montis Regalis der Festwochen der Alten Musik 2013 in Innsbruck. Beides „historisch informierte“ Annäherungen, aber sonst ganz verschieden. Dort kleine Besetzung, flinke Tempi, ein rigoros asketischer, antikulinarischer Aplomb. Hier in Salzburg nun das glatte Gegenteil mit exzellierenden Genussstrecken, liebevoll präsentierten Bläsern (Basetthorn als Mitakteur auf der Bühne), atemberaubenden Rubati schon in der Ouvertüre – die Eingangs- und Schlussphrasen mottoartig verlangsamt, der motorische Hauptteil kräftig angezogen.

Innsbruck erinnerte sich an frühe Gepflogenheiten der Rezeption und rekonstruierte eine Wiener „Titus“-Wiedergabe von 1804 mit etlichen implantierten Arien anderer Komponisten (Mayr und Weigl). Eine aparte Idee, aber doch ohne entscheidende dramaturgische Konsequenzen, weil nichts wirklich Bedeutendes hinzugefügt, keine neue Dimension erreicht wurde. 

Blitzschnell und pilzartig wuchsen Stelen hervor

Anders die Maßnahme des noch von Gérard Mortier zusammengeführten Duos Currentzis/Sellars, eine Hybridfassung mit großen Teilen der Mozart’schen c-moll-Messe und später Instrumentalmusik Mozarts herzustellen. Die etwas lendenlahm-prekäre repräsentative Huldigungsoper wird somit geradezu zu einer Tragedia sacra.

Damit hat nun auch der sonst nur mäßig beschäftigte Chor einen immensen Anteil. Am Anfang des zweiten Aktes steht er mit intensivem Flehen auf der Bühne wie im Einleitungsbild von „Boris Godunow“. Am schönsten aber, wenn Sellars ihn etwas später beim „Qui tollis“ zwei Kreise bilden lässt, um die Hauptfiguren – den hier amfortasartig im Krankenhausbett leidenden, am Ende sterbenden Titus und den reuigen Attentäter Sextus (Sesto).

Sellars und Currentzis legen den Hauptakzent auf diese polaren Figuren, ohne die anderen zu vernachlässigen. Russell Thomas ist ein intonationsklar imperialer Tito, der seine hasardmäßigen Koloraturen mit Schmerzensaufbäumungen auf dem Siechlager verbindet; Marianne Crebassa – ein emotionsstark durchglühter Sesto mit betörendem Liniengesang und unfehlbarer Atemführung. Von seidigem Glanz der Vitellia-Sopran von Golda Schultz, nobel profilierend der Annio-Alt von Jeanine De Bique. Christina Gansch (Servilia) und Willard White (Publio) ergänzen das Ensemble ebenbürtig.

Aus der zunächst völlig leeren Bühne der Felsenreitschule wuchsen blitzschnell und pilzartig Stelen hervor, die man als filigrane Gefängnisse, außerirdische Telefonzellen oder auch einfach als geheimnisvoll rechteckige Großplastiken wahrnehmen konnte. Sie wurden immer wieder neu beleuchtet, mit Farbornamentik modifiziert, zum requiemähnlichen Schluss mit flackernden Lichtelementen belebt. Alles in allem eine tragfähige Bildidee von George Tsypin. Den sicheren Griff des erfahrenen Theatermannes zeigten auch die lebhaften, aber auch übersichtlichen Personenarrangements von Sellars. Einen beträchtlichen Mehrwert bedeutete die geistlich-ernste Grundierung – Verwandlung der Huldigungsoper in eine Parabel demokratischer Versöhnung.

Auch Verwandlung einer etwas antiquiert-öden Opera seria in ein spannendes Meisterwerk? Der bereits todesnahe Mozart wurde bekanntlich mit dem Sujet Pietro Metastasios nicht glücklich. Er ließ sich wohl von seinem Schüler Süßmayr die Rezitative schreiben. Lange Durststrecken, die Currentzis größtenteils strich und durch mozartferne Überleitungen oder auch die „falschen“ Tonartenanschlüsse der folgenden Nummern schluckende Pausen ersetzte. So war vielleicht kein rund vollendetes, problembefreites „Meisterwerk“ gerettet. Aber eine Anstrengung geglückt, Mozarts letzte Oper klug und triftig von der geistlosen Sturheit philologischer „Werktreue“ oder halbherziger Theaterroutine zu befreien.

Salzburger Festspiele:  30. Juli, 4., 13., 17., 19., 21. August. www.salzburgerfestspiele.at

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