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Salzburger Festspiele Er handelt mit Schrott

William Kentridge inszeniert Alban Bergs Oper „Wozzeck“ in Salzburg in Stummfilmszenerie.

Szene aus Wozzeck
Aushorchen oder Eintrichtern? Wozzeck und der Doktor. Foto: Neumayr/Leo/APA/dpa

Diesmal war der szenische Eindruck etwas interessanter als der musikalische. Die vierte Opernpremiere des Salzburger Festsommers galt Alban Bergs „Wozzeck“, einem Werk, das als naturalistisch in Reinkultur gebrachtes Armeleute-Drama ebenso wenig mehr ganz überzeugen will wie als zeit- und ortlos stilisierte Menschheitstragödie. Jenseits dieser interpretatorischen Klischees suchte und fand der Regie führende bildende Künstler William Kentridge auch mit seinem Bühnenbild einen dritten Weg.

Die schon vor Beginn offene Bühne im „Haus für Mozart“ (dem früheren Kleinen Festspielhaus) weckte auf Anhieb die Assoziation: Murnau. Eine Szenario wie im Stummfilm: wacklig-schäbige Installationen, gleichsam provisorisch gefügt zu einer Favela-Landschaft aus steilen Treppen, schmalen Stegen und angedeuteten Innenräumen mit dem Charme der Vorläufigkeit (darunter einem Schrank, in dem der Arzt praktiziert). Stumme, krückenbewaffnete Kriegsversehrte tragen bei den Zwischenspielen die ärmlichen Requisiten herum, meist Stühle. 

Auch Wozzeck und Andres schrotteln. In der Eingangsszene entfällt die Rasur des Hauptmanns – stattdessen projiziert Wozzeck flimmrige Filmsequenzen auf eine improvisierte Leinwand. Das funktioniert. Später ist die dunkel schraffierte Fläche des Bühnenhintergrunds fast pausenlos Projektionswand für surrealisierte Bilder des Kriegs- und Nachkriegsschreckens – öde Vorstadtkulisse mit Bahngleis und herumliegenden Köpfen; Gasmasken; einmal sogar ein monströs vorbeiziehender Zeppelin. Aber auch cartoonartige Chargen und Figuren wie aus dem Bestiarium von George Grosz, Otto Dix oder Xaver Fuhr.

Die Ikonographie des Ersten Weltkriegs und des expressionistischen Films mochte sich auch aus der Entstehungszeit dieses nun fast hundert Jahre alten Meisterwerks der Moderne ergeben. Kentridge überlädt die Aufführung zweifellos mit seinen Bilderfluten, Vieles davon ist suggestiv, am meisten der als Parade übergroßer Schatten entlangmarschierende Militäraufzug (1.Akt, 3. Bild), wie wenn in den Strahl des Vorführapparats geratende „echte“ Kinobesucher als Gespenster über die Leinwand huschen, hier auch ein Menetekel der allgegenwärtigen Soldatensphäre. Bei der späten Margretszene (3. Akt, 3. Szene) wird eine ähnliche Faszination mit farbigem Menschengewühl nicht mehr erreicht.

Ganz schwach mutet bei Kentridge die exterritoriale Schlussszene der Kinder an. Schon vorher wurde das Kind Maries und Wozzecks seltsam durch eine Puppe in Erwachsenenhand substituiert. Die unendlich traurige Finalszene mit dem „Hopphopp“ des Kindes (alles aus dem Off gesungen) ist eine Puppendemonstration zweier stummer Mimen – ein sinistrer Einfall. Die Personenregie gerät durchweg unbeholfen und zehrt wohl am ehesten noch von der Eigeninitiative der Sängerdarsteller.

Unter diesen ist der Wozzeck von Matthias Goerne der überragende Faktor – ein Mann von gedrungener Statur und dem Ausdruck einer natürlicherweise sanftmütigen, aber durch Demütigung verformten Körperlichkeit – noch über die eben getötete Geliebte scheint er sich wie bergend halb zu bücken. Bei äußerster Textverständlichkeit bis in die kleinste Silbe realisiert Goerne alle dynamischen Konvulsionen dieser enormen Partie. Gute, aber nicht ins vielleicht notwendig Exzentrische getriebene Profilierungen bei Doktor und Hauptmann (Jens Larsen, Gerhard Siegel). John Daszak hatte als Tambourmajor wenig von einem Protztenor. Am problematischsten die Marie von Asmik Grigorian – eine jugendlich frische und helle Sopranstimme, aber ohne dramatischen Kern und in den melodramatischen Quasi-Sprechpassagen oft ungut kreischend.

In der Nachbarschaft überragender Dirigate mit den Wiener Philharmonikern – Mariss Jansons bei Schostakowitschs „Lady Macbeth“, Andris Nelsons bei Schostakowitschs „Leningrad“-Symphonie, Riccardo Muti bei „Aida“) wirkte der Wozzeck“ mit Vladimir Jurowski etwas matt und kontrastarm an. Solide Routinearbeit (auch bei der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, die zwei, drei Proben mehrt vertragen hätte), aber nichts Aufregendes. Auch keine große symphonische Überwölbung beim letzten Zwischenspiel, das so offensichtlich der motivsammlerischen Tradition von Siegfrieds „Trauermarsch“ folgt. So könnte man resümieren: als bedeutende Rechtfertigung für diesen Salzburger „Wozzeck“ blieb, über einige Aspekte von Kentridges Optik hinaus, Goernes Verkörperung. 

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