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Salzburger Festspiele Die Wucht der Verunsicherung

Große Bühne und vehemente Klangereignisse bei der Salzburger „Lady Macbeth von Mzensk“, inszeniert von Andreas Kriegenburg, dirigiert von Mariss Jansons.

Festspiele
Harald B. Thors Bühnenbild ist die Hauptattraktion des Abends, hier der Innenhof. Foto: Thomas Aurin/Salzburger Festspiele

Das Engagement russischer Sponsoren bei den Festspielen wird immer ernsthafter. Also eine russische Oper ins Salzburger Programm! Das wäre aber sowieso immer wünschenswert. Übrigens präsentierte auch Karajan hier einen „Boris Godunow“, freilich zum (vorläufig) letzten Mal die Bearbeitung von Rimskij-Korsakow. 

Diesmal also Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“, in der Stalin’schen Ära ein Skandalstück und in der (unwesentlich) entschärften Fassung mit dem Titel „Katerina Ismailowa“ aus offiziellem Bann mühsam entlassen. Auch 80 Jahre nach ihrer Entstehung ist die Oper noch eine harte Nummer. Der Komponist erkannte in der Novelle Nikolai Leskows von 1864 das Potenzial zu einer explosiven Melange aus hochpathetischer und zugleich satirisch-parodistischer Tonsatzarbeit. 

Fast irritierender als die brutale Story – der Lebens- und Leidensweg einer frustrierten Kaufmannsfrau, die zur zweifachen Mörderin und mit ihrem windigen Liebhaber in den Gulag verschickt wird, wo es nochmals zu einer bizarren Eifersuchtsszene mit Mord und Selbstmord kommt – ist das ständige Schwanken der Klangsphäre zwischen bitterem Ernst und grellster Karikatur. Letztere triumphiert im dritten Akt im lustvoll orchestral dämonisierten Aufmarsch einer Polizeitruppe, leicht identifizierbar als drastischer Hinweis auf die Militarisierung der sowjetischen Gesellschaft. Mit all ihren cartoonhaften Grobheiten und tragisch sich aufbäumenden oder dumpf brütenden Ausbuchtungen gehört die „Lady“ zu den ganz großen Trouvaillen der Musikdramatik des vergangenen Jahrhunderts. Zudem scheint sie unfehlbar publikumswirksam – wie sich auch jetzt bei der Salzburger Premiere zeigte, wo keine Krudität dem begeisterten Schlussapplaus im Wege stehen konnte.

Opulente Horror Picture Show

Andreas Kriegenburg hatte im Großen Festspielhaus immerhin eine opulente Horror Picture Show im Stil eines keine Mittel scheuenden Großfilm-Realismus angerichtet. Hauptattraktion war dabei das Bühnenbild von Harald B. Thor, das die problematische Überbreite der Szene geschickt ausfüllte mit Diagonal-Perspektiven. Zwischen bunkerartig kahlen Seitenwänden wächst ein monumentaler Innenhof hervor mit mehrstöckigen Fensterfluchten, Treppen und Galerien. Dazu kommen noch schräg hereingefahrene Innenräume, die auf- und zugeklappt werden mit nackten Riesendeckeln. Die paradoxe Wirkung dieser Szene entsteht durch den ungemilderten Zusammenprall von Prachtentfaltung und ins Zyklopische gesteigerter Schäbigkeit des Schauplatzes. 

Im (musikalisch von Tschaikowski-naher Passioniertheit erfüllten) Schlussakt erscheint die szenische Lösung verbraucht; hier wird auch Kriegenburgs Personen- und Massenregie wirr und ungegliedert. Knalleffekte in den sich überschlagenden Schlussmomenten helfen nicht mehr.

Trotz des anscheinend realistischen Ansatzes gibt es Verunsicherung bei Orten und Zeiten – sozusagen als Reflex auf die Shakespeare’sche „Überhöhung“ des Sujets. Tanja Hofmeisters Kostüme schwanken zwischen dem 19. Jahrhundert und der Gegenwart. Und Katerinas Schlafzimmer mutet – im auch sonst nicht auffällig russisch markierten Kontext – wie ein amerikanischer Middle-class-Wohnraum an. Das passt ein wenig zu der bürgerlichen Ausstrahlung der Titelsängerin Nina Stemme, die gleichsam unversehens aus biederer Hausfraulichkeit in eine Verbrecherkarriere hineinstolpert. Kriegenburg unterstreicht ihre „unschuldigen“ Züge; interessanter wäre es freilich, die latenten erotischen Zwielichtigkeiten und unbürgerlich-archaischen Kraftreserven dieser Figur zu erschließen. 

Nina Stemme sang mit warm und dunkel grundierter vokaler Substantialität, wenn auch in Höhenregistern mitunter leicht verengt. Insgesamt die bis in den Schlussmonolog hinein Achtung gebietende Realisierung eines extrem schwierigen Parts.

Von einer Oper wie „Wozzeck“ sticht Schostakowitschs „Lady“ ab durch die fehlende (oder zumindest höchstens partiell auftretende) Mitleidsperspektive. Vom Hauptpaar ist der Mann Sergej noch schuftiger als die Frau: Brandon Jovanovich, ein jugendlich geschmeidig timbrierter Charaktertenor, in der Handlungsdynamik ein Ausbund an Charakterlosigkeit. Dmitry Ulyanov war mit machtvoller Stimme ein soignierter, auch als Geistererscheinung noch würdevoller Patriarch Boris Timofejewitsch mit Stentorstimme. Genüsslich persifliert der Pope von Stanislav Trofimov. 

Aufgeboten waren die Wiener Philharmoniker und der mehr als stattlich besetzte Wiener Staatsopernchor, kollektive Kräfte, die sich den vielfach genutzten Strategien kompositorischer Überwältigung ohne Wenn und Aber stellten – man mochte sich vor allem im Finalakt fragen, ob solch superlativische Klang- und Geräuschorgien nicht ins Absurde umschlagen. Sinnvoll, solche Konsequenzen ungeschützt aufzuzeigen. Der Dirigent Mariss Jansons behielt aber ebenso die fast unhörbar leisen Unterstimmen und subkutanen Linien des Zweifels, der Angst und der anekdotischen Beiläufigkeiten im Fokus seiner Aufmerksamkeit. Ein spannender Abend.

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