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„Salome“ in Leipzig In der Eiswürfelburg

Die Oper Leipzig zeigt „Salome“ in Rosalies starkem, letztem Bühnenbild und feiert die Musik von Richard Strauss.

Salome
Huch, was hat sie angestellt: Salome mit Haarwusch. Kirsten Nijhof Foto: Kirsten Nijhof

In tragischer Koinzidenz begannen und endeten die Vorbereitungen für die neue Leipziger „Salome“ mit Todesfällen: Im April starb mit 52 Jahren der Tenor Endrik Wottrich, vorgesehen als Herodes, vor wenigen Tagen mit 64 Jahren die Bühnenbildnerin Rosalie, der das Opernhaus die Premiere jetzt widmete. Eine Geste der Sympathie, aber auch eine Verbeugung vor der Künstlerin, deren Arbeit den Abend prägt.

Ein zauberhafter steiler Aufbau aus hellblauen, gezackten und von innen illuminierten Platten lässt an eine Eiswürfelburg denken, verborgene Treppen führen nach oben, wo quasi auf dem Dach des Palastes in buntem Licht das Feiern mehr zu ahnen als zu sehen ist. Dort dreht sich auch ein mysteriöses, prunkvolles Objekt, Krone oder Helm, Leuchtturm- und Partylicht, Satellitenschüssel. Weiter hinten, nur noch vage zu sehen, eine große Skulptur, die vom Geschehen abgewendet steht. Eine ausrangierte Gottheit? Auf der nicht großen Hauptspielfläche unten verblüfft ein Autowrack mit einem Springbrünnlein.

Das ist mehr eine Bühneninstallation als ein Bühnenbild, für Spekulationen offen, und auch für das Ensemble, das sich hier angesichts einer gewissen Überfüllung erstaunlich gut bewegen kann. Die Bühnenbildnerin Rosalie legt lediglich, aber fundamental fest, dass Richard Strauss’ „Salome“ in einer Welt mit Geschichte spielt, auch wenn wir diese Geschichte nicht verstehen und übliche Assoziationsketten (Nahost, Altes Testament, Fin de siècle) überhaupt nicht greifen.

Eine lebhafte Inszenierung

Die Kostümbildnerin Rosalie ist weniger verrätselt. Religiöse Zugehörigkeit zeigt sich eindeutig, die Juden orthodox, die Nazarener als heutige evangelikale Jung-Missionare. Die Soldaten, von Herodias sexuell bedrängt, tragen schmucke Tarnanzüge, die Palastgesellschaft gibt sich glamourös. Salome mit platinblondem Haarwusch feiert in schwarzen Leggings und mit übergroßem Hemd ihr privates Achtziger-Jahre-Retro, die einzige Jugendliche weit und breit.

Das ist die Schwedin Elisabet Strid, eine optisch ideale Besetzung für Aron Stiehls eher erzähllustiges als abgründiges Regiekonzept. Der gebürtige Wiesbadener lässt es lebhaft laufen und Salome wie einst Wickie (den mit den starken Männern) geistesblitzhaft auf die Idee kommen, sich den Kuss des Jochanaan auf die bekannt brachiale Art zu verschaffen.

Wer hätte gedacht, dass Jochanaans dunkle Beschimpfungen – trefflich dargeboten von Tuomas Pursio als traurigem Wuschelkopf aus einem anderen Film – so tanzbare Musik bieten? Herodes’ Gäste machen es vor. Der kräftigste Regieeinfall betrifft den Tanz, an dessen Ende Herodes, für das Publikum nicht sichtbar, aber doch unzweifelhaft, Salome Gewalt antut. Michael Weinius zeigt in der Tat einen relativ virilen, gemütlichen Herodes – auch gesanglich ist ihm das Grelle, Eunuchenhafte eines Gerhard Stolze fremd, ein schöner, normaler Tenor im Großen und Ganzen. Er passt sich ebenfalls gut ein in die gar nicht dumme, offensiv vertretene Entkomplizierung der Handlung. Wenn er schwächelt, hilft eine Spritze. Kein tieferes Geheimnis lauert hinter seinen Aussetzern.

Zu Beginn des Tanzes führt Salome dem Stiefvater mit einigen maskierten Komparsen eine aus dem „Hamlet“ geklaute Szene vor, die den Mord an ihrem leiblichen Vater zeigt. Da Oscar Wildes Herodes weit weniger zimperlich ist als Shakespeares Claudius – und seine Herodias, Karin Lovelius als herrlich abgebrühte, keineswegs abgehalfterte Diva mit Charaktermezzo, über alles auf dem Laufenden sein dürfte –, applaudiert er bloß launig.

Im Graben nimmt Ulf Schirmer unterdessen ernst, dass der riesige Strauss’sche Orchesterapparat fast ständig Dämpfung verlangt. Vielleicht nimmt er es, vom Hörerlebnis in Reihe 17 aus, sogar etwas zu ernst, bietet eine moderne, für die abgefeimten Tonalitäten ungemein aufmerksame, aber auch unwuchtige „Salome“-Musik. Freilich brauchen die Stimmen einige Rücksicht. Elisabet Strid imponiert mit ihrem jugendlichen, noch in den Spitzen unspitzigen Sopran, aber eine Röhre ist er nicht. Bis in die Nebenrollen wurde nach Möglichkeit gediegen besetzt.

Eingebettet war die Premiere in ein Strauss-Wochenende zwischen „Arabella“ (von 2016) und „Die Frau ohne Schatten“ (von 2014) – ein Männer-Frauen-, Liebe- und Ehewochenende also –, was zusammen ein Triumph für Ensemble, Orchester und Regie- und wirklich nicht zuletzt Bühnenbildbemühungen war. Und für das Schirmer’sche Strauss-Engagement, indem der Intendant alle drei Abende dirigierte und vor allem in der „Frau ohne Schatten“ schließlich in maßlos rauschhafte Sphären vorstieß. Den Akteuren verlangt das bekanntlich eiserne Disziplin ab.

Oper Leipzig : 25. Juni.
Wiederaufnahme am 14. Oktober. www.oper-leipzig.de

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