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Salome Ich habe dich abgestochen, Jochanaan

Die Oper Köln bietet eine ungewohnte, aber nicht dumme „Salome“ mit sensationellem Orchesterklang.

Salome
Salome, hinten ihr Stiefvater Herodes. Foto: Paul Leclaire

Das Kölner Gürzenich-Orchester hat einen erstaunlichen Chef, der vor wenigen Tagen seinen Vertrag um immerhin zwei Jahre verlängerte (bis 2022) und sodann in der neuen „Salome“-Produktion seine Ausnahmequalität unter Beweis stellte. Die Kölner Richard-Strauss-Musik ist von vordergründigen Grell- und Schroffheiten befreit, ist wie entschlackt impressionistisch und transparent, das Auf- und Ausfahrende wird nicht geleugnet, aber mit Konzertsaalfinesse veredelt. Eine perfekt kontrollierte Ekstase, ein Erlebnis, und ein noch größeres dadurch, dass sich das auch im Detail ausgezeichnet aufgelegte Orchester nicht einmal in den Vordergrund drängt. Die Stimmen sind gut, aber die Instrumentalisten feiern einen Triumph.

Rechts hinter Ben Baurs Bühne sieht man den Generalmusikdirektor bei der lebhaften und gut gelaunt wirkenden Arbeit. Links vorne im Staatenhaus, Saal 2, geht es finsterer zu, in einem schräg verlaufenden karg eingerichteten Raum, am Ende eine riesige Holztür, hinter der sich schemenhaft die Zisterne zeigt, in der Jochanaan festgehalten wird. Das Biblische ist minimiert, die Wachen tragen vage an Weltkriege erinnernde Uniformen, die Zivilisten Abendgarderobe (Kostüme: Annemarie Woods). Dass Salome aussieht wie Krystle Carrington, ist mehr als gewöhnungsbedürftig. Aber man begreift dann nach und nach, dass hier eine ganz anders gelagerte Geschichte erzählt werden soll, als es Oscar Wildes von Hedwig Lachmann und Strauss in ein unvergessliches Deutsch gebrachtes Drama vorsieht.

US-Regisseur Ted Huffman, dem das Frankfurter Opernpublikum den geschmack- und reizvollen „Rinaldo“ im Bockenheimer Depot verdankt (von 2017), geht mit einem jedenfalls ziemlich klaren Konzept an seine Inszenierung heran. Die Gewalt am dekadenten Hof des Herodes macht sich hier vorzugsweise Frauen zum Opfer. Kindlich wirkende Tänzerinnen mit aschblonden Pagenschnittperücken und in rosafarbenen Kitteln sitzen an der Seite des Saals angeleint auf Hockern, den nebenan feiernden Männern offenkundig frei zur Verfügung. Gelegentlich wird eine Frau, wehrhafter oder resignierter, ausgesucht, zur Seite abgeführt und später wiedergebracht. 

Mit Salome, der sich eindrucksvoll steigernden Schwedin Ingela Brimberg, scheint das zunächst wenig zu tun zu haben. Ihr zur Seite steht eine stumme Dienerin,  eine gleichfalls elegant gekleidete Vertraute. Erst beim Tanz wird sichtbar, dass die Frauen einander durchaus wahrnehmen und nun auf unerwartete Art unterstützen. Ein schon an den Haaren herbeigezogener, aber faszinierender Moment, indem die Tänzerinnen Salome teils die Arbeit abnehmen, die Frauen anscheinend gemeinsam versuchen, die Männer zu verwirren. Das funktioniert wohl zunächst, mündet aber dann doch wieder in eine Sex- und Gewaltorgie. 

Die Prinzessin selbst ist unantastbar, daher vielleicht der Wunsch des Herodes – eher smart als karikaturesk, auch stimmlich: John Heuzenroeder –, ausgerechnet sie tanzen zu sehen. Das Tanzen als solches ist recht unverbrämt ein Sich-Ausziehen und Bloßstellen. Dass Huffman dabei keine Nacktheit ausstellt, ist zwar angenehm, aber interessanterweise auch halbherzig. 

Die Schlussvolte zeichnet sich also ab,   verblüfft jedoch dann doch. Jochanaans Kopf wird mitnichten auf einem Silbertablett serviert, vielmehr wird der von Strauss natürlich längst zum Schweigen verurteilte Prophet – der sehr klangschön sonore Kostas Smoriginas – lebendig auf die Bühne geführt, wo schließlich Salome selbst die Hand bzw. das Messer anlegt. Dies ist offenbar das Signal zum Losschlagen. Die von der stummen Dienerin befreiten Frauen greifen zu den Waffen und richten ein Massaker an. Man muss nun zugeben, dass das Lichtjahre von der Schlussmusik entfernt ist, der Ingela Brimberg dessen ungeachtet großes, getragenes Format zu geben vermag. Trotzdem mag man es nicht so rasch wegschieben, und es gab auch nur wenige Buhrufe.

Oper Köln im Staatenhaus, Saal 2: 18., 20., 24., 26., 28. Oktober. www.oper.koeln

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