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Ruhrtriennale Rheingold Vorwärts in die Vergangenheit?

Familie Krupp und ihre Konkurrenten: Johan Simons’ antikapitalistische Sicht auf Richard Wagners „Rheingold“ bei der Ruhrtriennale ist nicht so taufrisch, wie sie sich gibt. Auch bleiben Fragen offen. Aber nicht bei der Musik, dirigiert von Teodor Currentzis.

13.09.2015 17:28
Von Markus Schwering
"Rheingold" bei der Ruhrtriennale in Bochum: Alberich, Leigh Melrose, mit den Rheintöchtern (Jurgita Adamonyté, Dorottya Láng, Anna Patalong ) und einer Ersatzsexpuppe. Foto: dpa

Was Alberich da nach seiner Plätscherorgie im Bassin triumphal hochhält, bevor er es klaut, das ist kein Rheingold, jedenfalls kein goldenes. Es ist ein Stück Kohle, die man weiland ja auch als „schwarzes Gold“ zu bezeichnen pflegte. Und die über mehr als ein Jahrhundert die ökonomische und soziale Lebenswelt jener Region prägte, in der die Ruhrtriennale spielt.

Wie bereits mit „Accattone“hat es Regisseur und Festspielleiter Johan Simons darauf angelegt, Werk und Spielort engstens aufeinander zu beziehen. Nicht nur ereignet sich sein „Rheingold“ in der Bochumer Jahrhunderthalle – gleichsam einem Walhall des Industriezeitalters.

Vielmehr wird auch die Götterpersonnage sozusagen zu einer idealtypischen Dynastie Krupp entmythisiert, die sich in hartem Kampf gegen Konkurrenten – Alberich eben und die Riesen – die Macht an der Ruhr sichert. Vorläufig. Neu ist das nicht – wenn er die „Ring“-Tetralogie als Allegorie des Kapitalismus oder überhaupt des bürgerlichen 19. Jahrhunderts aufschlüsselt, ordnet sich Simons in eine lange, wohletablierte Deutungstradition ein.

Bettina Pommers nach den Seiten hin offener Spielraum hat drei Ebenen: Oben thront eine kubusartige, weiß-klassizistische Architektur, Walhall als Villa Hügel. Leider ist sie total verrammelt, Wotan und die Seinen, eine wohlgewandete Party-Schickeria, können hier nur durch Spione spinksen. Klar, da ist jemand nicht wirklich Herr im eigenen Haus.

Auf der mittleren Ebene ist – von wegen mystische Höhle – sichtbarlich das Orchester platziert, die von Teodor Currentzis dirigierte MusicAeterna aus Perm. Bereits hier zeigt sich, dass Simons Richard Wagner nicht ungeschoren davon kommen lässt: Das Drama führt sich in seiner „Gemachtheit“, als Werkstatt vor – eine an Brecht gemahnende Illusionszerstörung, die auf das Spiel übergreift. Die Figuren stehen meistenteils ein wenig neben sich, dürfen sich selbst zusehen.

Sexpuppen für den frustrierten Zwerg

Die unterste Ebene ist der Grund des Rheins ebenso wie Nibelheim, Alberichs Reich, in dem dieser seinen Bruder Mime quält. Man sieht drei pfützenartige Teiche, in denen zu Beginn Sexpuppen liegen, an denen sich der Zwerg ersatzweise verlustiert – weil er der Rheintöchter, drei Damen in blauen Gummistiefeln, nicht habhaft werden kann.

Außerdem ragt in den Pfützen viel Bauschutt – zertrümmerte Plafonddecken und ein gegen die Schwerkraft nach oben ragender Kristallleuchter sind erkennbar. Hat die Katastrophe, die am Ende der Tetralogie Walhall ereilt, schon stattgefunden? Inszeniert sich hier Vergangenheit als Zukunft? Das läge auf der Linie der Warnungen der Seherin Erda, die in Bochum als nette, dicke Oma mit Blindenbrille durch die Pfützen tapert.

Mindestens genauso nahe liegt eine andere Deutung: die eines heillosen Kreislaufs der Geschichte, eines erlösungsfreien Immergleichen von Aufstieg, Zenit und Untergang. Die Götter- oder Krupp-Welt mag dem Untergang geweiht sein – aber danach geht es wieder von vorne los. Dies ist immerhin eine Perspektive, die angesichts von Wagners geistiger Nähe zu Schopenhauers Pessimismus diskutabel ist.

Der Zuschauer kann aber nicht nur dem Programmheft entnehmen, dass sie nicht diejenige Simons’ ist. Der sprengt seinen Wagner nicht nur verfremdend durch elektronisch erzeugte und technoid anmutende Industrial-Klänge des finnischen Musikers Mika Vainio auf – bereits das Es-Dur des Vorspiels setzt sich auf ein schon das einströmende Publikum empfangendes Grund- und Ur-Wummern.

Dazu lässt er auch am Beginn der dritten Szene den Götter-Diener Sintolt zum betäubenden Lärm der Arbeitswelt antikapitalistisch-revolutionäre Texte Elfriede Jelineks schreien. Der Brand von Walhall wird in dieser Sicht zum Fanal der sozialen Umwälzung. Simons stellt Wagner eben nicht zu Schopenhauer, sondern als Revolutionär in eine Reihe mit Proudhon und Marx.

Aber an dieser Stelle ergeben sich Einwände. Dass Wagners Revolutionsenthusiasmus immer antisemitisch getränkt und nicht sonderlich vertrauenswürdig war, unterschlägt der Regisseur. Auch die Parallelisierung von „Ring“ und Ruhr-Historie überzeugt nicht wirklich: Im Ruhrgebiet herrscht keine revolutionäre Situation, sondern vor allem – Arbeitslosigkeit.

Schließlich reibt sich das Umsturzkonzept widersprüchlich an dem der ewigen Wiederkehr. Was will man haben, Revolution oder Resignation? Und wenn es gerade diese Spannung ist, die thematisiert werden soll, müsste die Regie das deutlicher machen.

Die Musik ist vom Feinsten

Der Wucht von Simons’ Bildern tut das keinen Abbruch. Und die Musik ist vom Feinsten. Currentzis und seine Musiker agieren großartig, neben brachialen Attacken gibt es, bei meist kammermusikalischer Durchhörbarkeit des Klangs, viel instrumentalen Charme.

Unter den Sängern ragt Leigh Melrose als Alberich ob seines eindringlich demonstrierten bösartigen Irrsinns heraus. Mika Kares als wohltönend-müheloser Wotan und ein fast karikaturistischer Peter Bronder als Loge stehen kaum nach, die übrigen Darsteller halten problemlos das gute Niveau. Freilich bekommt das Publikum die Stimmen nicht eins zu eins zu hören – in der riesigen Halle, in der sich manches akustisch zu verlieren droht, müssen Headsets gute Dienste leisten.

Ruhrtriennale, Jahrhunderthalle Bochum: 16., 18., 20., 22., 24. und 26. September.

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