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Ruhrtriennale Orfeo Orpheus bei den Zombie-Blondinen

Susanne Kennedy demontiert bei der Ruhrtriennale den Eurydike-Mythos in verdammt langen 80 Minuten. Die Musikinstallation „Orfeo. Nach Claudio Monteverdi. Eine Sterbeübung“ hat einen ziemlich weiten Weg vom Konzept zur Bühne, vom Gedanken zum Bild. Auch der Zuschauer ist viel unterwegs.

21.08.2015 16:58
Markus Schwering
Zwei von schaurig vielen Eurydikes der Ruhrtriennale. Foto: Julian Roeder/JU/Ruhrtriennale

Wer diese Unterwelt betreten will, muss sich zu benehmen wissen – das wird ihm zuvor per Kopfhörer nahegelegt. Er darf jeweils nur weitergehen, wenn eine Lampe grün aufleuchtet, er muss den Mund halten und, selbstverständlich, sein Handy ausschalten. Aber nicht nur das. Ziemlich abrupt gehen die eher operativen Vorgaben in metaphysische Maximen über: „Klammere dich nicht in Anhänglichkeit und Schwäche an dieses Leben“, tönt es da auf Englisch. „Auch wenn Schwäche der Grund für dein Festklammern ist, steht es nicht in deiner Macht, hierzubleiben.“

Bevor der Besucher von Susanne Kennedys für die Ruhrtriennale produzierter Musikinstallation „Orfeo. Nach Claudio Monteverdi. Eine Sterbeübung“ vor der in den Hades führenden Tür steht, hat er schon einen weiten Weg hinter sich. Zunächst rumpelt er vom Wiegeturm der stillgelegten Essener Zeche Zollverein im Wagen der Standseilbahn hinauf in die Mischanlage – nur Achterbahn ist schöner. Er tut es in einer Gruppe von sieben Mitinteressenten – alle zehn Minuten wird eine Gruppe hinaufgekarrt.

Der Hades wartet dann in der Tat tief unten, nachdem Treppen, Hallen, Schächte um den Preis völliger Orientierungsvernichtung bewältigt sind. Drinnen, in der ersten von sieben, acht zu besuchenden Räumen, wartet Eurydike – in freilich gewöhnungsbedürftiger Aufmachung: Auf dem Ledersofa sitzt eine die Eintretenden mit Medusenblick fixierende Monster-Barbie mit weißblonder Perücke und einer mimisch stummen Latex-Gesichtsmaske, die nur den Augen freie Bahn gibt.

Personalisierte Schreckvision

Für solche personalisierte Schreckvision gibt es filmische Vorbilder. Im wesentlichen aber bringt sich hier die sehr individuelle und in der Tat einigermaßen unvergessliche Handschrift der gefeierten Nachwuchsregisseurin zur Geltung, die von 2017 an zum Team der Berliner Volksbühne gehören wird. Kennedys Eurydike ist offensichtlich eine Untote, und nicht nur eine. Der Besucher durchwandelt nach und nach die moderne Hölle einer in poppigem Billiggeschmack ausstaffierten Etagenwohnung mit Wohnzimmer, Küche, Bad, wo jeweils eine oder zwei oder auch mehrere (zum Streichquartett formierte) Zombie-Eurydikes posieren. Zum Schluss befindet man sich im Wartezimmer einer Klinik. In deren OP-Saal ringt eine der Latex-Blondinen auf dem Operationstisch offensichtlich mit dem Tod.

Und Orpheus, bei Monteverdi immerhin die Hauptfigur? Der kommt zu guter Letzt auch noch dran – in Gestalt des Counters Hubert Wild, der dem in sein Etablissement Geleiteten Phrasen aus der Oper entgegensingt. Überhaupt die Musik: Sie ist – teils live gespielt vom seinerseits in Barbie-Montur aufwartenden Solistenensemble Kaleidoskop, teils vom Band – in irgendeiner Form stets präsent, man erkennt die Toccata und andere Sätze. Aber all das ist verfremdet, zerfetzt, entstellt. Zum gewohnten Opernganzen fügt sich hier jedenfalls nichts mehr.

Der Titel von Susanne Kennedys Installations-Parcours ist ernstzunehmen, genau genommen müsste es sogar heißen: „Sehr frei nach Monteverdi“. Wer die Inszenierung einer der frühesten Opern der Musikgeschichte erwartet, ist in Essen fehl am Platz – er kann nur maßlos enttäuscht werden.

Ein schwarzes Loch

Es geht nicht um „Orfeo“, sondern um dessen Dekonstruktion – und damit überhaupt um die Dekonstruktion des Orpheus-Mythos. Wo dieser die Macht der Liebe und der Musik feiert, die sogar den Tod besiegt, da lässt Kennedy, die auf vorangegangenen ideologiekritische Tiefenbohrungen Elfriede Jelineks verweisen kann, ein schwarzes Loch.

Bei Monteverdi empfindet es Eurydike nicht als Zumutung, von Orpheus aus dem Hades befreit zu werden. Bei Kennedy schon. Eurydike gegen Orpheus ins Zentrum ihrer Adaption rückend, lässt sie ihrer Interpretation feministische Zähne wachsen: Das Tun des thrakischen Sängers wird zum Nicht-loslassen-Können, das die Partnerin zu einer qualvollen Zwischenexistenz verdammt. Damit verfehlt er in männlichem Allmachtswahn, so Kennedy, das „Wichtigste im Leben: zu akzeptieren, dass alles endlich ist“.

Klar, dass dieses große „Memento mori“ – zugleich eine angediente „Ars moriendi“ – keine Handlung mehr zulässt. Und Monteverdis Musik wird zum Zitat ihrer selbst. Das mag irritieren und verstören. Nur: Wer der Regie hier Sujetverfehlung vorwerfen wollte, ließe seine Wut am untauglichen Objekt aus – Kennedy will ja ihr Sujet „verfehlen“.

Einwände provoziert anderes: Wer nach dem Parcours das Programmheft liest, ist erstaunt darüber, was er alles erlebt haben soll. Der Weg vom Konzept zur Bühne, vom Gedanken zum Bild ist hier ziemlich weit, da geht einiges in den Winkeln und Schächten der Kokerei verloren.

Nicht gelingen will zumal Kennedys Transformation der Zeiterfahrung. Die Zeit des Hades soll eine andere als die des Besuchers sein – eine aber, in die er suggestiv hineingezogen wird. Das funktioniert nicht richtig: Der vom Stechblick der Eurydikes verfolgte Gang durch die postmoderne Einrichtungstristesse dehnt sich zur Unendlichkeit, in der selbst 80 Minuten zu lang sind. Das Ambiente verdammt den Besucher – er will ja kein Spielverderber sein – zur sakral-gedrückten Weihehaltung. Was wäre nur, wenn er – aus Überdruss über seine Zwangsbeteiligung – zwischendurch einmal unwirsch auflachte?

Die Eurydike-Barbies ihrerseits scheinen den Spaßfaktor jedenfalls nicht zu unterschätzen: Der Berichterstatter konnte beim Hinausgehen noch so gerade sehen, wie eine der – sich unbeobachtet wähnenden – Zombie-Blondinen aus dem Streichquartett der Nachbarin rustikal mit dem Geigenbogen aufs Gesäß klopfte.

Zeche Zollverein, Essen: 22., 23., 27.-30. August, 3.-6. September. www.ruhrtriennale.de

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