Lade Inhalte...

„Rigoletto“ in Darmstadt Herzogs rote Klapprose

Giuseppe Verdis „Rigoletto“ am Staatstheater Darmstadt ist verspielt, aber schon schön und rührend.

"Rigoletto" am Staatstheater Darmstadt: Das ist der Titelheld, und wer kurz überlegt, sieht auch schon seine Tochter. Foto: Candy Welz

Nun kein abgründiger, aber doch ein zärtlicher, possierlicher, eigenwilliger „Rigoletto“ ist jetzt am Staatstheater Darmstadt zu sehen. Hier hat Intendant Karsten Wiegand, so ist es heute üblich, eine seiner Inszenierungen aus Hannover (2006) und Weimar (2009) wieder aufgegriffen, das heißt „weiterentwickelt“. Wer sich alte Bilder anschaut, sieht Vertrautes, aber auch, dass einiges bunter, geschärfter ist.

Der Ansatz ist leichthändig und puristisch. Obwohl die Eingangsszene uns äußerst geglückt das kleine Fernorchester als eine Art Zirkuskapelle auf einer Tribüne von schräg hinten sehen lässt; und obwohl sich der Herrenchor an der Rampe an einem allerdings wirklich diskreten Urinal versammelt – eine Plattheit, aber ein passendes Bild für den noch weit platteren Männlichkeitskult, der am Hofe gepflegt wird; obwohl also zunächst eine Menge los ist auf der Bühne von Bärbl Hohmann, so wird es bald karg, aber zauberisch.

Ein Rechteck aus Licht kann ein Haus darstellen (z. B. Rigolettos Haus), eine Tür wird nur bei Bedarf herbeigetragen (z. B. wenn es gilt, hier einzudringen und ein Mädchen zu entführen). Eine andere Tür wird, auf den Boden gelegt, kurzfristig zur Bodenklappe. Manchmal gibt es bloß die Kronleuchter (auch zum Schaukeln geeignet) auf schwarzem Grund. Manchmal gibt es bloß den schwarzen Grund.

Der berühmte Sack, in dem sich die gemordete, aber noch unbedingt singfähige Gilda befindet, wird nicht herbeigezerrt, vielmehr ist es die Kaschemme des Mörders (hier schon recht unverhohlen ein Minibordell), die sich in den Bühnenhintergrund zurückzieht und den Blick auf das weiße Leinen freigibt. Gilda wird zuvor von der Jungfrau Maria selbst beraten, einer menschlichen Statue, die die Rolle der windigen Dienerin übernimmt. Spielereien, aber ansprechende Spielereien.

Zu den kleinen Zaubereien, die etwas Elegantes haben, passt es, dass auch der Herzog von Mantua einen Trick kennt, mit dem er im rechten Moment eine rote Rose herbeischaffen kann. So macht er es aber mit jeder Frau, immer der gleiche Trick, der nun etwas Schales bekommt. Wiegand benutzt das Florett, nicht den Holzhammer, um das Unbehagen am höfischen Leben zu transportieren. Und um uns zu Tränen zu rühren.

Ein mondscheibenförmiger Mensch

Denn auch dafür ist dieser behände Abend geeignet. Rigoletto ist ein kolossaler, durch seinen weißen Overall mondscheibenförmiger Mensch. Er hat keine Arme (natürlich stecken sie wohlbehalten im Overall), was seinen Interaktions- und überhaupt Aktionsradius stark einschränkt.

Als sich einmal im vielleicht schönsten Moment des Abends doch zarte Ärmchen aus ihm herausarbeiten und zu seinem Gesang lebhaft gestikulieren, gehören sie zu seiner Tochter, die locker noch mit unter den Overall passte. Nun rappelt sie sich just in dem Moment, wo der Vater nachhause kommt und sie zu singen beginnt, aus dem Riesenleib heraus.

Man merkt also, dass Wiegands Zaubertricks in Kauf nehmen, dass die Szene etwas statisch bleibt. Rigoletto muss wenig tun, die Dinge verwandeln sich um ihn herum sinnig. Einen klug genutzten Gegensatz dazu bildet der quicklebendige, dazu von Alfred Mayerhofer quietschbunt eingekleidete Herrenchor, aus dem neben den gut besetzten kleinen Rollen auch Choristen als kuriose Typen herausragen.

Es geht hier also nicht um die letzten Tiefen der psychologischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, Sangmin Lee in der Titelrolle und Anna Palimina als Gilda sind gleichwohl darstellerisch enorm überzeugend – interessanterweise dann sogar eher weniger, wenn das Vater-Tochter-Verhältnis irgendwie zusätzlich problematisiert werden soll. Sängerisch ist der Vater groß und beweglich, die Tochter funkelnd und quecksilbrig und nur in den schlimmsten Spitzentönen manchmal etwas gellend.

Der gewalttätige Tenor zwischen beiden wird von Andrea Shin recht unverbindlich freundlich gespielt – das ist vielleicht der einzige ernste Kritikpunkt an der Inszenierung, die sich damit begnügt, ihn als Freundchen von Fessel- und Peitschenspielen zu markieren. Dafür singt er souverän und mit Leichtigkeit in der Höhe und doch eine letzte Spur glanzlos.

Markanter geführt werden die beiden Geschwister des Todes, Vadim Kravets als Sparafucile und Amira Elmadfa als Maddalena, die entspannte Dunkelheit in Körperhaltung und Ton.

Enrico Delamboye dirigiert einen farbenreichen, auch robuste Lautstärken nicht fürchtenden Verdi.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum