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Richard III. in Frankfurt Masse, Macht und muntere Monster

Klug, spannend, gutaussehend: Jan Bosse inszeniert Shakespeares „Richard III.“ mit Wolfram Koch zur Eröffnung der neuen Intendanz am Schauspiel Frankfurt.

Richard III.
Richard geht auf den letzten Metern zur Macht wie immer über Leichen. Foto: Arno Declair

Die Stückauswahl erzählt von einem reibungslosen Übergang: Während Oliver Reese seine Intendanz am Berliner Ensemble mit Camus’ Despotenbetrachtung „Caligula“ eröffnet hat, wählt sein Nachfolger am Schauspiel Frankfurt, Anselm Weber, zur Eröffnung die Geschichte vom Schurkischsten aller Schurken. Ein über weite Strecken kluger, leidenschaftlicher und gutaussehender Abend. 

Auch William Shakespeares „Richard III.“ ist ein Stück der Stunde, nicht nur, weil die Beschwörung einer blühenden Zukunft für England derzeit eine selbstverschuldet verzweifelte Note hat. Es ist vor allem die Konsequenz, mit der ein schlechter Herrscher und sein folgerichtiger Untergang vorgeführt wird. Dass der Untergang auch moralischer Natur ist, wirkt bei näherer Hinsicht eigentlich nachrangig. Richard kann es einfach nicht besser. Es gibt solche Figuren, die mit Lüge und Gewalt, Egomanie, Helfern und Helfershelfern an die Macht kommen. Da sie über den Machterhalt hinaus kein Ziel haben, wirken sie dort rast- und hilflos. Aber sie sind gemeingefährlich. Ihre Helfer machen mit, so lange sie davon profitieren. 

Shakespeare hatte taktische Gründe, den letzten Plantagenet (aus der Linie der York) auf dem englischen Königsthron als Fratze des Bösen und personifizierte Unfähigkeit zu zeichnen. Mit dem Untergang des Hauses – von Richard selbst durch engmaschiges Verwandtenmorden vorangetrieben – und dem Ende der Rosenkriege übernahm der erste Tudor den Thron. Deren in elisabethanischer Zeit noch junge Herrschaft zu festigen, war ein erfolgversprechendes Programm für einen ehrgeizigen Künstler. Wenn es damals so übel gewesen war, so die Botschaft, war es doch gescheiter, das neue Königshaus zu begrüßen.

Heute, jenseits der dynastischen Verhältnisse, ist es reizvoll, nein, ist es schaurig aktuell, sich klarzumachen, dass Richard III. kein Politiker herkömmlichen Schlages ist. Dass er ein grotesker Außenseiter ist, dem kein vernünftiger Mensch zugetraut hätte, an die Staatsspitze zu gelangen. Auch Regisseur Jan Bosse lässt in Frankfurt ungläubiges Gelächter erklingen. Auch Richard Wolfram Koch spielt mit Genuss aus, dass Richard ein Monster ist, das sich unter seinem grauen Politikeranzug, nachher in fantastischer Fantasierüstung keinen Zwang antut. Auch Bühnenbildner Stéphane Laimé stößt uns darauf, dass wir alle so dasitzen, alles besser wissen, und keiner tut was. 

Die Auflösung des Guckkastens – in elisabethanischer, aber auch in Reese-Tradition: Gleich eine Kampfansage an die schwer bespielbare Bühne des Schauspielhauses – macht uns nämlich zu besonders passiven Zuschauern, gerade weil wir Teil von Richards Spiel werden. Auf der Bühne, eingeebnet, so dass mit dem Zuschauerraum zusammen eine riesige Halle entsteht, stehen noch drei kleinere Sitztribünen, so dass das Publikum von vier Seiten aus auf einen nicht großen Ascheberg schaut. Die Schauspieler benutzen aber den ganzen Saal, pochen an den Eingangstüren, hechten, stolzieren, traben, hinken die Achsen entlang, setzen sich in die Reihen, legen sich auf Zuschauer (gewiss ein Erlebnis!), bilden effektvolle Tableaus in allen Ecken und an allen Enden. Nie ist klar, wo es weitergehen wird. Würde das Schule machen, wären Eulen als Theatergänger evolutionär im Vorteil. Durch eine ganz gut funktionierende technische Verstärkung sind sie meist dennoch ordentlich zu verstehen. Immer wieder ist der Saal großzügig beleuchtet (Licht: Johan Delaere), für heimliche Szenen in der Dunkelheit haben die Schauspieler transportable Scheinwerfer zur Hand. Ein ins Gigantische getriebenes Taschenlampenspiel. 

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