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Rheingold Künstler sind auch schuld

Und die Politik natürlich, klar: Die an der Volksbühne gedrehte Web-Serie „Rheingold“

Szene aus "Rheingold"
Startnummer 10 hängt unter der Decke. Foto: Jan Bonny/Alex Wissel

Angeblich soll das ja alles so sein: Dass die Schauspieler mit Textbüchern herumlaufen und mehr mit Ablesen als sonst irgend etwas befasst sind zum Beispiel. Dass sie nicht spielen, sondern „spielen“ spielen, sprich alles, was sie spielen, in eine doppelte Klammer setzen. Pseudotheaterfilmtheater, ausgegeben als „Web-Serie“, denn die ganze Angelegenheit ist im Internet zu betrachten.

Da sitzt man also vor dem Bildschirm, sieht Joachim Król erst ein bisschen tanzen, dann auf einen der berühmten Volksbühnenplastikstühle sich niederlassen, im Manuskript blättern, um „Vorwärts und nicht vergessen, die Solidarität!“ zu rufen, während die Kamera ihn seitwärts betrachtet, als wolle sie sich ein bisschen lustig machen. Es ist ja auch lustig gemeint, denn „Rheingold“, wie diese Szenenserie betitelt ist, will eine Satire sein, eine „augenzwinkernde Gesellschaftssatire“ sogar. Und Król gibt darin den berüchtigten Düsseldorfer Kunstberater Helge Achenbach, verurteilt wegen Betrug – an der Kunst und am Kunstbetrieb.

Darum soll es hier demnach gehen: um die Kunst in einer durchkapitalisierten Welt. Deshalb der im Titel angezeigte Bezug auf Richard Wagner. Deshalb auch die Anspielungen auf Joseph Beuys. Und deshalb – Überraschung! – auch die Verweise auf die Politik der SPD, namentlich des einstigen Kanzlers Gerhard Schröder. Der auch irgendwie mitspielt. Es treten in diesem Setting überhaupt vor allem lose Bezüge auf. An der Bar lehnt ein Typ namens Tim Renner, an der Wand hängt ein Bild von Gerhard Richter. Weder der Typ noch das Bild erinnern außen herum an Bild oder Politiker, aber sie werden als solche ausgestellt, vorgeführt. Alles in diesem Quasi-Spiel ist in diesem Ausstellungsmodus gehalten. Wer nicht gerade aus dem Manuskript vorliest, lümmelt irgendwo herum, schaut zu, gibt sich lässig, tut beiläufig. Wie viel Mühe sie sich geben, alles ranzig und abgehangen wirken zu lassen. Wie angestrengt die Coolness wirkt.

Jan Bonny und Alex Wissel, die Erfinder und Macher dieser vorgeblichen Web-Serie, wollen zeigen, so sagen sie, dass auch der Künstler schuld ist, weil nämlich der Künstler „zur Idealfigur der Selbstproduktion“ erhoben wurde und sich erheben ließ, mithin zum Idealbild der neoliberalen Leistungsgesellschaft.

Keine neue These, sie ist weder falsch noch richtig, weil zu grob, um irgend wirklichkeitserschließend zu sein. Aber sie taugt zur hübschen (Selbst)Bespaßung. Und die beteiligten Schausteller (darunter einige namhafte ihres Fachs, neben Król auch Bibiana Beglau und Ronald Kukulies etwa) scheinen zwar öfter nicht zu wissen, was sie da eigentlich treiben (sollen), haben aber dennoch ihren Spaß.

Diese Unternehmung wurde noch von der Dercon-Intendanz für die Fullscreen-Spielstätte beauftragt und hätte unter ihr vielleicht einigen Witz entwickelt. Sozusagen eine Volksbühnenselbstbespiegelung. Ihre aufdringliche Belanglosigkeit lässt sich so oder so allerdings kaum verbergen. Ob sie weitergeführt wird, scheint noch nicht geklärt. Wenn es weitergehen soll, hülfe es, nicht nur lässig zu tun, sondern auch etwas zu erzählen zu haben.

Im Netz auf www.volksbuehne.berlin

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