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Residenztheater München Männer im Ausnahmezustand

Das Münchner Residenztheater startet mit Schillers „Räubern“ und Sartres „Schmutzigen Händen“ in die Spielzeit.

25.09.2016 16:18
K. Erik Franzen
Norman Hacker (l) und Christian Erd in einer Szene aus "Die schmutzigen Hände" von Jean-Paul Sartre. Foto: dpa

Zu Beginn einer Theater-Spielzeit wird ja gerne in die Vollen gegangen. Man möchte Duftmarken setzen für die Zukunft. Am Münchner Residenztheater entschied man sich für ein Wochenende mit zwei Premieren. Und setzte auf Angriff.

Zuerst donnerte die Rasche-Walze über „Die Räuber“ von Friedrich Schiller. Das Sturm-und-Drang-Drama des Klassiker-Punks eignet sich besonders für je zeitgenössische politische Aufladungen: Wer sind denn nun die bösen, gewalttätigen Räuber? Welche Gruppe hat sich da zusammengerottet, um wütend zu brandschatzen? Und warum?

Ulrich Rasche, verantwortlich für Regie und Bühne, macht keinen Hehl daraus, dass er in seinen Arbeiten gerne politische Situationen nur als Initialzündung benutzt, um seine Inszenierungen letztlich ins zeitlos Allgemeine zu führen. In den „Räubern“ sieht er zudem einen ähnlichen Gestus, „die Genese einer Bewegung, die jeglicher politischen Grundlage entbehrt“. Demzufolge setzt er radikal auf Form, nämlich die Faszination monumentaler Ästhetik.

Wer das mag, kommt voll auf seine Kosten. Der mehr als dreistündige Abend wird getragen von der hypnotisch-vorwärtstreibenden Minimal-Musik von Ari Benjamin Meyers (mit Tenor, Bassbariton, Violine, Viola, E-Bass und Percussion). Im Zentrum des düster-schweren schwarz-weiß Bildes stehen als einzige Objekte zwei gigantische Laufbandmaschinen mit 4 vor- oder rückwärts laufenden Bahnen, höhenverstell- und drehbar – monströse Gebilde, die je nach Sichtweise ihre Benutzer gnadenlos in Bewegung halten oder von diesen gezielt gesteuert werden. Pimp it up, Bro. Die Bänder rollen und rollen, die Menschen laufen und laufen. Keiner kommt hier ohne Meniskus-Quetschungen raus.

Rasche zeigt eine Welt, die unaufhaltsam in Bewegung geraten ist, in eine Massenbewegung. Die Geschichte der ungleichen Brüder Franz und Karl Moor wird parallelisiert: Die individuell und pathetisch angelegten mono- und dialogischen Szenen im fränkischen Heimatschloss der Familie Moor (Valery Tscheplanowa als manchmal hexischer Franz lässt nur zu Anfang eine Genderkomponente aufscheinen) verdichten sich hier nach und nach zu Massenszenen, eine enorm kraftvolle Komposition des Schreckens. Mit maximalem Aufwand schraubt Rasche an einer Männlichkeits-Militarismus-Maschine, der Franz Pätzold als wütender und gleichzeitig zerbrechlicher Führer Karl vorsteht. Formt der Rhythmus der Musik hier den zusammengeschlossenen Sprachkörper oder ist der liturgisch angehauchte und in anschwellende Loops gegossene chorische Sprechgesang Motor der Entwicklung?

Geradezu weggerissen von der Wucht dieses Perpetuum Mobile eines kollektiven, extrem uniformierten Entwicklungsrausches werden nicht nur die Zuschauer, sondern schließlich auch „Die Räuber“. Am Ende des Abends siegt die Handschrift des Regisseurs und versinkt die Ausdifferenzierung der Figuren und ihrer inneren Konflikte. Offengelegt wird die Ordnung der Gewalt. Rasches gewagtes Spiel mit totalitärer Ästhetik (Laibach und Rammstein lassen grüßen) endet zum Glück immerhin nicht-heroisch: Geschlagene, Verlorene sind sie alle.

Am Tag danach setzt Martin Ku?ej nicht die metaphysisch-rohe, sondern die analytisch-feine Klinge ein. Jean-Paul Sartres 1948 geschriebenes Drama „Die schmutzigen Hände“ ist ein intellektuelles Spiel der Wortgefechte, ein Lehrstück. Nicht Überwältigung, sondern Durchdringung ist das Mittel, das hier auf der Bühne des Cuvilliés-Theater eingesetzt wird. Der Ort ein doppelter Drahtzaun-Käfig in einer dunklen, kellerartigen Neonlicht-Umgebung, in der alle schon von Anfang an ihre Wunden, Narben und Markierungen zeigen. In diesem Fight-Club kommt es in einem Spiel von zwei Männern und zwei Frauen letztlich zu einem zweifachen Showdown: zwischen Hoederer, einem Anführer der Kommunistischen Partei Frankreichs im von Deutschland besetzten Staat am Ende des Zweiten Weltkriegs und Hugo, der ihn im Auftrag einer anderen parteiinternen Gruppierung ermorden soll (da Hoederer mit der gegen Ende des Kriegs umschwenkenden Kollaborationsregierung paktieren möchte) und ermorden wird.

Sehr nah an Stück und Text des heute etwas biederen Polit-Moral-Stoffes der zweite Kampf ums Ganze: der von Hugo mit sich selbst. Dieser an sich spannende, lange Moment der Befragung eines Individuums nach seiner Stellung in der Masse Mensch läuft leider ins Leere, da Christian Erdt als Hugo überfordert wirkt. Den intellektuellen Anarchisten nimmt man ihm nicht ab. Lisa Wagner als grandios zynisch-heitere Jessica, die ihren Mann Hugo begleitet und leitet, und Norman Hacker, der Hoederer als väterlichen, humanen Realo-Revolutionär debattieren lässt, halten die stets gleichmäßig temperierte Inszenierung über Wasser.

Der zweite Kampf ums Ganze

Auch Ku?ej zeichnet wie Rasche ein allgemeines Bild, er möchte Sartres Imperativ vom Situationstheater verwirklichen, das den Zuschauer in extreme, existentielle, aber allgemeine Zustände stürzt, auf dass sie ihn letztlich zu sich selbst bringen mögen. Konkrete Gegenwartsverweise sucht man auch hier vergeblich. Das kann man machen: beispielhafte gesellschaftliche, politische und soziale Zustände abmarschieren (wie Rasche) oder sie diskursiv abbilden (wie Ku?ej). Bei beiden stehen Männer in Ausnahmezuständen im Mittelpunkt, ein bisschen Liebe ist jeweils auch dabei. Ordnen sie sich in die Menge der anderen ein, verlieren sie sich darin? Das zu hinterfragen ist zeitgemäß. Und Faszination für Faschistoides sowie schmutziges Spiel politischer Idealisten sind vielleicht nie von gestern.

Die Frage darf trotzdem gestellt werden: Warum verzichten gerade diese durch ihre starke Hand gekennzeichneten Regisseure auf eine klare Verortung in unserer aufgewühlten Zeit? Aus Respekt oder aus Angst vor dem Publikum? Ob sich dieses Theater von zeitgenössischen „politischen Grundlagen“ zurückzieht, ob es sich seinen ur-dramatischen Wurzeln zuwendet, wird sich zeigen. Es riecht brenzlig da draußen.

Residenztheater, München: „Die Räuber“: 2., 3., 23., 24. Oktober. „Die schmutzigen Hände“: 27. Sept., 17., 18., 28. Oktober. www.residenztheater.de

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