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Pussy Riot in Frankfurt Slogans von Pussy Riot laufen ins Leere

Das „Pussy Riot Theatre“ rappt im Frankfurter Mousonturm die Geschichte seines politischen Widerstands.

Pussy Riot Theatre
Maria Alyokhina von Pussy Riot bringt auch ihre Verletzungen auf die Bühne. Foto: dpa

Nur ganz kurz sieht man das Bild eines kleinen Jungen, der, eingemummelt gegen Kälte, ein Pappschild hält, einen Protest (den er wahrscheinlich selbst noch gar nicht lesen kann) gegen die Inhaftierung seiner Mutter. Seine Mutter, das ist Maria Alyokhina, Mitglied des russischen feministischen Kollektivs Pussy Riot. Sie war unter den fünf Frauen, die 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale ein „Punk-Gebet“ sprachen, das laut Pussy Riot als Protest gedacht gewesen war gegen die Allianz von Russisch-Orthodoxer Kirche und Staat. Drei der Frauen – Nadezhda Tolokonnikova, Maria Alyokhina und Yekaterina Samutsevitch – wurden verhaftet; gegen sie wurde Anklage erhoben wegen „grober Verletzung der öffentlichen Ordnung“. Nach einem Berufungsverfahren wurde Samutsevitch auf Bewährung freigelassen, Tolokonnikova und Alyokhina waren bis zu einer Amnestie 21 Monate in Haft.

Die Aktion in der russisch-orthodoxen Kathedrale und die Gefängniszeit – erst gegen Ende durfte Maria Alyokhina in der Anstaltsbücherei arbeiten – stehen im Zentrum eines knackig einstündigen „Riot Days“ überschriebenen Punk-Rock-Konzerts, für das sich Alyokhina mit den Musikern Anastasia Ashitkova (Gesang und Saxophon) und Maxim Ionov (Keyboard, Schlagzeug, Computer) sowie mit Kiryl Masheka (Gesang) zusammengetan hat. Man tourte schon in den USA, jetzt soll es nach Großbritannien und Irland gehen. Der Frankfurter Mousonturm brachte „Riot Days“ als Erstaufführung nach Deutschland.

Es ist (im unbestuhlten Theatersaal) ein lauter, dunkler, atemloser Abend. Es bratzt und grollt, die Akteure sprechsingen, skandieren, werfen die Arme hoch, heben die geballten Fäuste. Viel englischer Text muss mitgelesen werden, wenn man des Russischen nicht mächtig ist. Unter den rasenden Übertiteln laufen Videoaufnahmen, oft schnell geschnitten wie ein Clip. Man sieht – „Prologue“ – in ominösem rotem Nebel versinkende Demonstranten, man liest den Aufruf „Anyone can be pussy riot“. Man sieht die Frauen mit den Sturmmasken in der Kathedrale und wie sie von Polizisten hinausgetragen/gezerrt werden. Dann vor Gericht. Natürlich nicht im Gefängnis, da waren sicher keine Aufnahmen möglich; stattdessen wird der trostlose Gebäudeklotz von außen gezeigt, Schnee drumherum.

Man darf wohl annehmen, dass Maria Alyokhina an diesen „Riot Days“-Abenden ihre seelischen Verletzungen wenn nicht abarbeitet, dann doch bearbeitet wie einen Stein. In pausenlose Konzert-Form werden hier Texte – Schlagworte, Statements, Erinnerungen – gefasst, wie sie sich auch im gleichnamigen, laut Ansage am Mittwoch in Englisch, Französisch, Deutsch erschienenen Buch finden. Teils Rekapitulation, teils Agitation. Doch laufen Slogans wie „Change the system“, ändere das System, oder „Break the rules“, breche die Regeln, nicht nur in Frankfurt ins Leere. Junge Frauen machen mit ihrem Handy schnell ein Erinnerungsfoto. Das ältere Publikum beginnt schon eine Weile vor Schluss hinauszutröpfeln. Vielleicht möchten sie auch einfach nicht mehr stehen.

Die Frage ist: Kann man mit der Aufforderung zum politischen, punkigen, feministischen Widerstand auf Tournee gehen? In Ländern mit einem komplett anderen, freiheitlicheren Hintergrund? In Russland waren die Frauen von Pussy Riot ungemein mutig und sind nun so etwas wie Ikonen eines schräg-rotzigen Rebellentums. Aber Präsident Putin hat sich eben nicht vor Angst in die Hose gemacht (der Satz „Putin peed his pants“ kommt mehrfach vor). Stattdessen ist die ereignisvolle Zeit ein bisschen über die Pussy Rioterinnen hinweggegangen – obwohl sich die politische Situation in Russland mitnichten verbessert hat. Als Kriegsveteranin will einem Maria Alyokhina erscheinen.

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