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"Pension Schöller" in Mainz Die zweite Dimension, und zwar in Farbe

Die berühmte „Pension Schöller“ kommt am Staatstheater Mainz als knallbunter Bilderbuch-Spaß daher.

02.03.2016 16:57
Katja Sturm
Ständchen in der Pension Schöller. Auch wenn es nicht so aussieht, funktioniert alles sehr gut. Foto: Martina Pipprich

Es sind schon viele bekannte Namen ein- und ausgegangen in der „Pension Schöller“. Harald Juhnke, Willy Millowitsch oder Günter Pfitzmann übernahmen in Fernsehproduktionen des populären Schwanks von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby Hauptrollen, und selbst Fußballtrainer Jürgen Klopp hat sich bei einer Inszenierung in Mainz mit seiner damaligen Mannschaft in dem Etablissement einquartiert.

Jetzt haben sich Peter Jordan, einst „Tatort“-Kommissar in Hamburg, und der erfahrene Regisseur Leonhard Koppelmann daran gemacht, das 1890 uraufgeführte Stück für das Kleine Haus des Mainzer Staatstheaters aufzupeppen. Dabei verlegen sie die Handlung um den gutmütig-naiven Gutsbesitzer Philipp Klapproth (Clemens Dönicke), dem sein zurückhaltender und finanzschwacher Neffe Alfred (Daniel Friedl) vorgaukelt, die Gäste der Berliner Pension seien Patienten einer Nervenheilanstalt, in eine zweidimensionale Comic-Welt.

Alles ist hier aus Pappe: die Möbel, das Geschirr und selbst das Klavier, auf dem der leicht verwirrte Gastgeber Schöller (Klaus Köhler) gerne mal ein Ständchen gibt, das sich verselbstständigt, sobald er sich abwendet. Türen dienen nicht als Ausgang, sondern führen gegen Wände, und sobald jemand diese verschiebt, ploppt wie in einem Pop-up-Buch der nächste Raum auf. Manchmal müssen die Protagonisten nachhelfen, Tische und Stühle verrücken, Bilder umdrehen und Gegenstände an ihren Platz heften wie Magnete an den Kühlschrank.

Lauter hübsche Karikaturen

Verdeckte Umbauten gibt es nicht, im Gegenteil: Die Pause bleibt ungenutzt, und direkt danach wird fleißig umgestaltet, wobei sich Techniker unter die Schauspieler verirren. Diese sehen so verrückt aus, wie es ihre Charaktere sind. Für die überwiegend im Stil des 19. Jahrhunderts gewählte Kleidung und die Perücken hat Ausstatterin Katrin Kersten grelle Farben gewählt, mithilfe schrillen Make-ups sind lauter Karikaturen entstanden.

Doch das ist nicht schräg genug. Gesten und Mimik werden wiederholt mit übersteuerten Geräuschen unterlegt. So fletscht die wissbegierige Schriftstellerin Josephine Zillertal (Anika Baumann) ihre Zähne zum furchteinflößenden Klappern einer Schreibmaschine, bei der vorlauten Franziska (Antonia Labs), der als Ober arbeitenden Tochter des Pensionsbesitzers, klingelt beim Rechnen die Kasse. Küsse sind hörbar eklig feucht, und die großen Emotionen werden in Zeitlupe gespielt, während ein Herz aus Licht die Wände entlangwandert.

Ansonsten geht es Schlag auf Schlag, werden alle Register gezogen, die geeignet erscheinen, bei einem solchen Possenspiel das Publikum zum Lachen zu bringen. Es gibt vorhersehbare Verwechslungen und nur anfangs lustige Sprachfehler, wenig riskante Slapstick-Einlagen und kleine Obszönitäten. Viele Pointen sitzen, anderes ist allzu überdreht. Immerhin: Der frische Wind wirbelt Staub auf in der altbekannten „Pension Schöller“.

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