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„Parsifal“ in München „Parsifal“ als Gemälde

Im neuen Münchner „Parsifal“ siegt die Kulisse über die Regie – und die Musik über alles. Und Christian Gerhaher erfindet die Partie des Amfortas neu.

Die Bilder drücken die handelnden (hier: singenden) Personen an den Rand: Nina Stemme als Kundry und Wolfgang Koch als Klingsor. Foto: Ruth Walz

Eine Oper ist kein Gemälde, hier aber schon. Die Figuren werden nicht in Szene, sondern in Bilder gesetzt. Die Bilder sind von Georg Baselitz. Ein schwarzer Wald, wie angekokelt, eine Art riesiger Scheiterhaufen aus wenigen Stämmen scheint den Gral zu bergen. Dann eine stilisierte und bereits gravierend beschädigte Burg auf einem gut präparierten Prospekt, der langsam hochgezogen und damit aufgefaltet werden kann.

Nachher fällt das Burgbild wieder allmählich in sich zusammen. Dann erneut der schwarze Wald, der jetzt auch endlich auf dem Kopf steht, wie schon zuvor der vervierfachte fallende Engel auf dem weidlich genutzten Zwischenvorhang. Imposante Bilder, aber keine Inszenierung und auch kein Ersatz für eine Inszenierung. Dafür sind sie zu einfach und unmittelbar. Einfache, unmittelbare Bilder sind gut für eine Inszenierung. Wären gut für eine Inszenierung.

Insofern ist an der Bayerischen Staatsoper in München, wo Richard Wagners „Parsifal“ jetzt die Opernfestspiele (Motto: „Zeig mir deine Wunde“) eröffnet, etwas Kurioses eingetreten, allerdings nicht zum ersten Mal. Offenbar unterlief der Respekt vor oder die Hoffnung auf die Baselitz-Kulissen die Inszenierungsarbeit von Pierre Audi, der sich praktisch damit begnügte, das Personal als Staffage in den Bildern zu arrangieren. Dort verfolgen sie ihre Geschäfte nach weitgehend vertrauten Mustern. Die meisten von ihnen. Angesichts „dieses einen großen Protagonisten“ Bühnenbild sagte Jonas Kaufmann vor der Premiere im Interview: „Wir sind da auch immer noch ein bisschen am Suchen in der Sprache der Regie.“

Auf Baselitz-Entwürfe gehen auch die Kostüme von Florence von Gerkan zurück. In kubistischen Großmänteln wirken die Menschen zwergenhaft – und ausgeliefert sind sie ja auch –, darunter zeigen sie sich in aufwendigen Anzügen nackt wie auf Baselitz’schen Gemälden: Die Männer vorm Gral, Klingsors Zaubermädchen bei Ausübung ihres Verführungsamtes. 

Sagenhaft das Dirigat von Kirill Petrenko

Da der ausgezeichnete und in großer Stärke auftretende Chor der Staatsoper von Audi noch dazu schwarmartig bewegt wird, sind das reizvolle Momente. Klingsor im Übrigen gibt Wolfgang Koch Kraft und Farben mit, die er allerdings weitgehend vor geschlossenem Vorhang in den Saal singen kann. Auch ein geschlossener Vorhang, der ein Bild von Baselitz zeigt, bleibt ein geschlossener Vorhang. 

Dass es im Klingsor-Akt besonders schwer fällt, überhaupt noch von einer Inszenierung zu sprechen, zeigt sich etwa daran, dass die heikle Aufgabe, den Speer von Klingsor zu Parsifal zu zaubern – Pantomimen, kurze Blacks, Doppelspeere, Speere an seidenen Fäden über die Bühne schwebend, was wurde hier nicht alles probiert – selten ganz so läppisch gelöst wird. Parsifal geht hin und nimmt ihn Klingsor halt weg. Klingsor lässt auch gleich los, kein Problem.

Da die Musik tobt und wirklich unbedingt etwas passieren muss, geht Klingsor anschließend noch zu Boden. Als sich der Vorhang schließt, sieht man, wie Kundry die Augen nicht gen Himmel dreht (wie man naiv annehmen möchte), sondern den Fall der Stoffbahn prüft. In der Tat: Für den niedergeschmetterten Klingsor gilt es nun, rasch zur Seite rollen, damit er nicht zur Hälfte draußen bleibt. Jetzt muss der Herr Nachbar doch kurz mal laut lachen. So wenig lässt sich auf einer Bühne gar nicht machen, dass nicht doch noch etwas missglücken könnte. 

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