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Palmengarten Was vielleicht zuvor geschah

Die Kammeroper Frankfurt kombiniert den „Bajazzo“ sehr reizvoll mit einer Rarität.

Kammeroper
Thomas Peter und Ingrid El Sigai im „Impresario“. Foto: Peter Rödler

Ein ideales Stück für die Kammeroper Frankfurt bietet deren Sommer-Stagione im Palmengarten unter freiem Himmel und in der Orchester-Muschel. Ein nicht in den oberen Rängen der operalen Professionalität beheimatetes Ensemble, das mit Verve die Beglaubigung seiner szenischen Leidenschaften mit Herzblut und zuletzt mit dem Leben bezahlt. Die Rede ist von Ruggero Leoncavallos „Der Bajazzo“, wo auf einer primitiven Bretterbühne eine durchschaubare, aber allen selbsterlebbar scheinende Handlung abläuft: Untreue, Eifersucht, Mord.

Üblicherweise wird der Einakter gekoppelt mit Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“: einem ähnlich aus dem Leben gegriffenen Spektakel veristischer Ästhetik. Die Kammeroper hat etwas anderes gefunden und zur Frankfurter Erstaufführung gebracht: „Der Impresario von den Kanaren“, Intermezzo in zwei Teilen, Musik von Domenico Sarro aus dem Jahre 1724. Eine der damals typischen burlesken Zwischenakt-Szenarien als Erholungsstoff bei tragischen Opern. Giovanni Battista Pergolesis „La serva padrona“ („Die Magd als Herrin“) ist die bekannteste Produktion dieses ausgestorbenen Genres geworden. Kesse, immer um Betrug, Täuschung und erotisches Me-and-Youtoo kreisende Plots mit zwei, drei Arien und viel Handlungsturbulenz samt spöttischem Duktus.

An solchem fehlte es bei der Premiere im Palmengarten, was an der blassen, ein wenig gehemmt, wenngleich stimmlich markant wirkenden Darstellung Thomas Peters als Impresario liegen mochte. Dafür agierte Ingrid El Sigai mit viel Verve und artifizieller Überzeichnung als Primadonna, die von jenem Impresario engagiert werden soll und werden will. Stimmlich war das tadellos realisiert und die Rezitative wurden samt eines eingeschobenen neapolitanischen Liedes sicher präsentiert.

Gut verklammert tauchte Peter als der bösartige Komödiant Tonio im „Bajazzo“-Drama wieder auf: als wäre es im Sarro-Intermezzo um die Verhandlungen für das Engagement Neddas, der Hauptfigur bei Leoncavallo, gegangen. Ein intriganter und rachsüchtiger Impresario, der Neddas eifersüchtigen Ehemann Canio, Prinzipal der Komödiantentruppe, gegen seine in Sachen Liebe abtrünnige Ehefrau aufstachelt.

Jetzt lag voller Glanz auf fast allen Aspekten der Darstellung. Am Entschiedensten auf den solistischen Leistungen, die im Fall der weiblichen Hauptrolle, gespielt von Andrea Jörg, blendend waren. Eine bestrickende, zarte und fein konturierte Stimme, wunderbar homogen in den Aufgängen ihres Soprans und mit nicht outrierter Gestik. Ebenbürtig die schöne Stimme von Tenor Daniel Pohnert als Geliebter Silvio. Thomas Peter, der übrigens beider Stücke Übersetzung ins hier erfreulich verständnisschaffende Deutsche besorgte, hatte jetzt alle Trümpfe seiner Bösewichtsrolle parat. Nicht überanstrengt, aber viril genug in Duktus und Gestus Emilio Ruggerio als Canio.

Viel Anteil am Gelingen des Abends hatte Dirigent George Jackson mit den Musikern von Chor und Orchester der Kammeroper. Ein ausdrückliches, melodisch aufblühendes Klangbild. Aber auch ein in den turbulenten Massenszenen manchmal holterdiepolter höchst realistisch sich musikalisierender Vorgang. Auch das szenische Engagement der Choristen war ein wichtiger Posten im Glaubwürdigkeitshaushalt der Aufführung.

Das Bild der einfachen, stegreifhaft vermittelten Attraktivität von Kunst als Lebensmittel kam in der knapp, aber plastisch bemessenen Ausstattung und aussagekräftigen Kostümierung zum Tragen (Bühnenbild Frank Keller und Mateo Vilagrassa, Kostüme Claudia Krauspe). Kammeroper-Prinzipal Rainer Pudenz hielt die szenische Formatierung am kurzen Zügel. „Der Bajazzo“ ist ein Stoff, der keines regielichen Weckamins bedarf.

Frankfurter Kammeroper im Palmengarten: bis 18. August (bei Regen konzertant). www.kammeroper-frankfurt.de

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