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„Orpheus in der Unterwelt“ in Stuttgart Jetzt müsste man sich kugeln

„Orpheus in der Unterwelt“ in Stuttgart: Armin Petras fällt zu seiner ersten Operette wenig ein.

Die öffentliche Meinung hat eindeutig die Oberhand. Foto: Martin Sigmund

Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ hängt manchmal schlauer, manchmal dümmer zwischen Faschingsspaß und Zeitsatire. An der Oper Stuttgart wählt der Schauspielintendant von nebenan, Armin Petras, jetzt aber definitiv den freundlichen Schabernack für seine erste Operetteninszenierung. Es ist schwer, eine Operette zu inszenieren, wenn man nicht Otto Schenk ist oder die Operettensternstunde seines Lebens hat (Peter Mussbach bei seiner Frankfurter „Lustigen Witwe“). Man wird den ganzen Abend über den Eindruck nicht los, dass Petras das unterschätzt hat. Dabei ist der Stuttgarter „Orpheus“ eine große, aufwendige Produktion. Gewissermaßen gehört das zum Problem.

Ein sehr liebevoll gemachtes Video zeigt zur Ouvertüre musikalisch eingepasste Ausschnitte aus einem Stummfilm, in dem Eurydike in einer ausbeuterischen Pariser Näherei schuftet und mit dem – wie so oft – dem Komponisten recht ähnlich sehenden Musiker Orpheus die romantische Freiheit sucht und findet. Als Josefin Feiler, eine reizende Darstellerin mit glockenreinen Koloraturen, schließlich in echt, in Farbe und in Susanne Schuboths schlichtem Holzhäuschenbühnenbild auftritt, ist sie bereits bedient. Arg gelangweilt auch ihr Gatte, Daniel Kluge mit üppigem und nicht überfordertem Tenor. Bekanntlich lässt die öffentliche Meinung jedoch eine Trennung (und sei es durch den Tod!) nicht zu, hier vertreten durch Stine Marie Fischer als spät eingesprungene Zweitbesetzung von kühler stimmlicher und darstellerischer Eleganz. Nichts bleibt von der finsteren Industrialisierungshölle der Filmeinspielung. Mit dem Aufstieg ins Bürgerliche hat es sich quasi ausinszeniert und auch zu Ende kritisiert.

Jetzt müsste man sich offensichtlich vor Lachen kugeln, aber das ist eben das Schwierige: Zuschauer in einer Operette ernsthaft zum Lachen zu bringen. Stattdessen rollt die Operettenroutine in teils opulenter Ausstattung und meistenteils doch deutlich unter dem, was man einem hier ja von alerten Darstellern umgebenen Schauspielmann zutrauen würde. Der mit Abstand schönste Scherz sind vorerst die Bemühungen, die Eurydikes windiger Seitensprung Aristeus, André Morsch, unternehmen muss, um die richtige Stelle zur Verwandlung in den Gott Pluto zu erwischen. Seine Spießgesellen, herrlich als kleine untote Napoleons ausstaffiert und in unterschiedlichsten Formaten vorhanden, assistieren zu ungeschickt. Das ist hübsch, aber natürlich auch irre harmlos. Das Publikum in der Premiere erinnerte stark an den Grafen Orlowski aus der „Fledermaus“: Es war bereit und willig, aber viel ging einfach nicht.

Lustig angezogen sind die Bewohner des Olymps, tragen ihre Attribute teils als beglitterte Laubsägearbeiten bei sich. Doppelgänger fliegen allenthalben auf weißen Wölkchenprojektionen vorüber. Das ist schon bemerkenswert naiv. Im Hades geht es erwartungsgemäß etwas kerniger zu. Bacchus zumal, Max Simonischek, nimmt an Rauschmitteln alles zu sich, was zur Hand ist. Styx, André Jung, gewinnt mit dem Song „Als ich einst Prinz war von Arkadien“ etliche Herzen, wenn auch nicht das von Eurydike. Jupiter, Michael Ebbecke, tritt in einem elaborierten Fliegenkarnevalskostüm auf. Manchmal ist es, als wollte sich Petras über die Operette als Gattung lustig machen. Das funktioniert aber unheimlich selten, weil Operetteninszenierungen zu einem guten Teil ohnehin maue Karikaturen ihrer selbst sind, gerade dann, wenn sie dem Affen Zucker geben wollen. Wie jetzt in Stuttgart.

Sylvain Cambrelings Dirigat – Operette als Chefsache, großartig und selten – erzählt eine andere, subtilere, ungemein zurückgenommene Geschichte, so subtil und zurückgenommen allerdings, dass sie droht, schier unterzugehen. Federleichter wurde Jupiterlein aber selten von einem himmlischen Chor abgewatscht. Auch gibt es einen extrem elastischen Cancan, zu dem Petras immerhin niedliche gestresste Skelette ihre Kunststücke vorführen lässt. Aber das reicht alles nicht, die zagenden Skelette wissen es ja selbst.

Oper Stuttgart: 9., 15., 17., 21., 29. Dezember. www.oper-stuttgart.de

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