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Oper Stuttgart Im Totenreich seiner Seele

Aufwendig und mit großem Effekt richtet Hans Op de Beeck im Paketpostamt Stuttgart Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ ein.

Herzog Blaubarts Burg
Großartig: Claudia Mahnke und Falk Struckmann singen in Stuttgart Judit und Blaubart. Foto: Matthias Baus

Die Ereignisse in Béla Bartóks 1918 uraufgeführtem Einakter „Herzog Blaubarts Burg“ auf ein Libretto von Béla Balász sind so ungeheuerlich und zugleich unbegreiflich, dass viele Inszenierungen versuchen, durch Abstraktionen Boden unter den Füßen zu gewinnen. Auch wenn jeder vernünftige Mensch voraussetzt, dass Judit, soeben im Haus ihres Bräutigams eingetroffen, nicht buchstäblich auf Folter- und Waffenkammern, Tränenseen, blutende Pflanzen und quasi tote Vorgängerinnen trifft, herrscht doch eine große Finsternis in der Seele des wohlhabenden Aristokraten. Denn es wird hoffentlich nur der Blick in seine sieben Seelenräumlichkeiten sein, den Judit vom Geliebten – einer guten, aber windigen Partie – erzwingt. Aber ist „hoffentlich nur“ hier die richtige Wendung? Selbstverständlich nicht.

Auch Hans Op de Beeck abstrahiert, aber nur mit Blick auf den Graus hinter den auch in Stuttgart nicht vorhandenen Türen. Was den Blaubartschen Seelensumpf betrifft, was die Todtraurigkeit betrifft, so wird das Publikum selten so tief und unmittelbar hineingeführt wie jetzt im Paketpostamt. Hier zeigt der belgische Künstler und Regisseur seine Produktion für die Oper Stuttgart.

„Hineingeführt“ ist wiederum genau die richtige Wendung. Vor dem Eintritt in die große, entsetzlich dunkle Halle gibt es Gummiüberschuhe für alle. In kleinen Gruppen geht es rein, geleitet von hinreißend freundlichem Personal, das auch in die Handlung einführt (locker, aber triftig: nein, diese beiden hätten kein Paar werden dürfen, und doch kommt so etwas immer wieder vor). Gut knöcheltief steht das Wasser, man muss langsam gehen und aufpassen. Man erkennt eine Art Steg in der Mitte, kahle Bäume, Sandhügel, jammervolle Glühbirnchen, seltsamerweise auch Fahrräder, uralte Fahrräder, aber vor allem will niemand seinen Vordermann aus dem Blick verlieren. Wer seine Reihe und seinen Platz erreicht hat, kann in Ruhe schauen. Sieht die Menschenschlängelchen durch das schwarze, punktuell angeleuchtete Wasser waten, immer neue Schlängelchen treffen ein. Dazwischen wirklich ein Steg, Hügel, Geäst, wirklich Fahrräder. Dazu Blechbläser, die hauchzart Bártok anspielen. Manchmal wird laut geatmet, gewispert.

Das ist keine nächtliche Wattwanderung, das ist eine Fantasie über das Totenreich. Gäbe es das Totenreich, so könnte es aussehen, so könnte es sich auch anfühlen. Nicht schlimm, nicht übermäßig aufregend, eher ruhig, und die Menschen nurmehr leise Schatten. So kennt man sie nicht.

Das geht eine ganze Weile so. Die einen können sich nicht sattsehen daran, die anderen schon. Keiner muckt.

Als alle sitzen, zu beiden Seiten des Stegs, bloß schemenhaft zu sehen, kommt der Dirigent Titus Engel auf einem Fahrrad herangefahren. Nicht unerwartet, aber doch plötzlich ist am Ende des Stegs das Orchester sichtbar geworden. Die Musik setzt ein. Judit nähert sich durchs Wasser mit einem großen Rucksack. Blaubart hat ebenfalls ein Fahrrad dabei. Judit ist befremdet, aber interessiert. Blaubart kennt sich aus, ist aber ein wenig verlegen. Claudia Mahnke fasst Falk Struckmann an die Brust und bemerkt, dass die Wände feucht sind. Das Totenreich ist Leib und Seele des Herzogs, kein Zweifel daran soll bleiben. Wie stecken so tief mit drin wie vorher nie und nachher vermutlich nie mehr.

Die Musik übernimmt jetzt aber, das Orchester mit dunklem Funkeln, mit sinfonischen Ausbrüchen, mit einem gewaltigen Stereoaffekt, als Trompeten und Posaunen beim Ausblick auf Blaubarts Land hinter der fünften Tür von der anderen Seite aus dem Orchester entgegenblasen. Der Kontrast zwischen der Wucht und der wässrigen Nacht, die Judit nicht übersieht – ihre fahle Reaktion lässt es musikalisch erkennen, – kann nicht größer sein als hier. Auch wenn die Inszenierung im Detail jetzt manchmal etwas simpel verziert wirkt – schwarze Ballons, die einer Mülltonne entsteigen, rosa Blüten in einem Korb, rote Äpfel in einem anderen –, bleibt die Umgebung überwältigend. Und füllen Mahnke – schon in Frankfurt eine sensationelle Judit – und Struckmann sie mit überwältigendem Ernst: als Figuren, die ihre Gefühle glaubhaft nach innen verlegen, als Stimmen, die die Halle, noch dazu vor dem Orchester platziert, so beiläufig füllen, dass fast aller gellender Schrecken doch auch der nuancierteste Wohlklang ist.

Der Verzicht auf jede Vordergründigkeit lässt Judit in einer Einsamkeit zurück, die selbst die mit allen Wassern gewaschene Musiktheaterroutine so selten schafft.

Oper Stuttgart im Paketpostamt: 9., 11. November. www.oper-stuttgart.de

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