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Oper Stuttgart Enthauptungen im Nahen Osten

In Stuttgart hantiert Kirill Serebrennikov mit unscharfen Zusammenhängen zwischen „Salome“ und IS-Terror. Ein musikalisch großer Abend, aber eine nachlässige Inszenierung.

Die Figuren können mehr als die Bilderflut: Hier Claudia Mahnke (Herodias) und Simone Schneider (Salome). Foto: A.T. Schaefer

Doch recht unglücklich ist der Versuch, die Prinzessin Salome und den Mann, den sie lieben möchte und töten lässt, in die Nähe des IS-Terrors zu rücken. In der Inszenierung des Russen Kirill Serebrennikov an der Oper Stuttgart geschieht dies auf vielfache Weise, es bleibt aber ein Wabern, ein Spekulieren, Assoziieren und Insinuieren.

Die Bilder (Video: Ilya Shagalov), die wechselweise mit den Aufnahmen der Überwachungskameras auf einer großen Leinwand das Geschehen dominieren, zeigen gewalttätige Proteste aus aller Welt (auch Gerempel mit deutscher Polizei), dazu die Nachrichtensprecher, die ständigen „Breaking News“, die Marketing- und Mordbilder des IS schieben sich dazwischen. Es stimmt schon, so stellt es sich beim Fernsehgucken bisweilen dar, aber was sagt das über die Zusammenhänge? Sie werden ja hier, indem alles mit allem irgendwas zu tun haben soll, unscharf und butterweich und rein gefühlt (dazu gerne arabische Schriftzeichen, wer weiß, was da nun wieder steht). Und situativ. Wenn Jochanaan singt „und die Sterne des Himmels werden zur Erde fallen“, sieht man dazu Aufnahmen aktueller Luftbombardements. Wenn er den Kopf abgeschlagen bekommt, damit dieser Salome auf einem silbernen Teller gereicht werden kann, so gestaltet sich das per Video analog zu kursierenden IS-Bildern (wurscht, dass Jochanaan selbst eben noch ein extremistisch wirkender Muslim war). Im letzten Moment werden die Bilder gepixelt.

Man greift nicht zu hoch, wenn man nicht nur über den nachlässigen Umgang mit Oscar Wildes und Richard Strauss’ „Salome“ staunt. Staunenswert ist noch mehr die Beliebigkeit im Umgang mit Schreckensbildern, die jenseits des Schauplatzes im allerweitesten Sinne (die Weltgegend) und der Tötungsart keinen Anknüpfungspunkt an den Text haben. Man begnügt sich mit der platten Analogie, wenn Jochanaans Tirade gegen Herodias’ Promiskuität in einen unmittelbaren Zusammenhang zu einem islamistischen Frauenbild gestellt wird. Damit jeder es auch merkt, bieten streng verschleierte Frauen auf Salomes Befehl hin Jochanaan einen Imbiss an.

Der misshandelte Islamist

Insgesamt erweist sich das Thema Fanatismus als untaugliche Parallele, wie die Idee, aus Jochanaan einen (in Guantánamo, in Abu-Ghraib, egal) festgesetzten und misshandelten Islamisten zu machen, verdeutlicht. Das leuchtet umso weniger ein, als in Stuttgart aus unerfindlichen (wohl praktischen) Gründen die Figur gedoppelt wird. Iain Paterson steht mit würdevoller Gleichmut (und mächtiger Stimme) am Rand und singt, während der junge Yasin El Harrouk sich zwar wehrt und auf Arabisch schimpft, aber gleichwohl böse schikaniert und schließlich enthauptet wird.

Jetzt bietet der Abend aber die Merkwürdigkeit, dass sonst manches gelingt. Man sieht zum Beispiel, dass Serebrennikov sich für die seltsame Familie von Herodes durchaus interessiert. Salome, Simone Schneider, ist eine gemäßigte Gothic-Freundin, eine selbstbewusste Pubertierende, ein vorhandener, munterer Mensch in diesem Herumgepurzel aus Theorie. Ihr Stiefvater Herodes, Matthias Klink, ist ein alerter, moderner Edgar-Selge-Typ. Seinen naiven Sex- und Familienfantasien ist Salomes nicht vorhandener Tanz gewidmet (sie selbst langweilt sich derweil im Minnie-Maus-Pulli). Seine Frau Herodias wird durch Claudia Mahnke zumindest eine Persönlichkeit, auch wenn sie sich immer wieder zum Quickie mit dem durchtrainierten Personal zurückziehen muss, damit bloß jeder mitbekommt, was sie für eine ist.

Einmal sitzen die drei auf dem Sofa, die jüdischen Gelehrten disputieren, bedrängen sie. Dieses eine Mal rückt die kleine Familie zwangsläufig zusammen, jetzt selbst über den Irrsinn der anderen staunend, ein starkes Bild.

Insgesamt ist so viel los auf der Bühne, die Pierre Jorge Gonzalez als nicht sehr markanten Sicherheitsraum mit Neonröhrenmond gestaltet hat, dass man leicht etwas verpasst. Etwa die wahrlich überraschende Ermordung des Narraboth (!). Der Nachbar war aufmerksamer, offenbar geschah die Tat während des brutalen Zeichentrickfilms, bei dem Salome etwas Ablenkung suchte.

Musikalisch ist das ein großer Abend, was auch dem bedachten, zügelnden Dirigat von Roland Kluttig zu verdanken ist. Schneider, Mahnke und Klink debütieren in diesen Rollen offenbar zur rechten Stunde. Den Schluss singt Schneider mit einer erschütternd mühelosen Gewalt, metallisch gleißt Klinks Tenor, auch stimmlich wird sein Herodes nie zur Parodie. Premierenjubel für sämtliche Musiker, kaum Gegrummel gegen die Regie.

Oper Stuttgart: 1., 4., 8., 15. Dezember. www.staatstheater-stuttgart.de

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