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Oper Mein kleiner Schwan

„Lohengrin“ wartet an der Oper Stuttgart mit reizvollen Behauptungen auf.

Lohengrin
Der Chor hat ihm keine Wahl gelassen: Michael König ist Lohengrin und lernt Elsa kennen. Foto: Matthias Baus

Diese Leute haben jedenfalls etliche tote Schwäne unter dem Bett. Auch nachdem Lohengrin wütend aufgeräumt hat – schneeweiße Leiber hervorgezogen und auf der Bühne verteilt –, sieht man noch welche im Halbdunkel. Es ist was faul im Herzogtum Brabant und ein Vogelleben hier wohl nicht viel wert. Hinzu kommt der Eindruck, dass das eine Geschichte ist, die weit vor der Ouvertüre angefangen haben muss. Insofern kann man sie nicht wirklich verstehen, aber sie hat Reize. Und Árpád Schillings Stuttgarter Inszenierung – zur Eröffnung der Opernintendanz von Viktor Schoner – tritt zwar eigentlich als mausgraue Entzauberung des gottgesandten Helden an, birgt aparte Rätsel und erfrischende Behauptungen. Zum Dirigat des ebenfalls neuen Generalmusikdirektors Cornelius Meister, der Richard Wagner als großen, aber nicht simplen Romantiker zelebriert, ergibt sich ein schöne, durch den Abend tragende Spannung.

Die zentrale Behauptung betrifft Lohengrin selbst. Von Elsa herbeigefleht und von Jennifer Davis (der trefflichen Einspringerin für Simone Schneider in der besuchten zweiten Vorstellung) auch lieblich herbeigesungen, fällt er ad hoc aus der Menge: ein aus dem Kollektiv gestoßener Lemming, der es richten soll. Michael König, der waldschratig zerzaust auf einmal alleine dasteht, wirkt nicht begeistert, aber schon hat sich die Chorkugel geschlossen. Schilling gestaltet das unaufdringlich, Lohengrin fängt sich rasch und er hat unterm Anorak schon einen kleinen Plüschschwan als Mitbringsel und Ausweis. Dass er ein Mensch wie wir sein soll, der sich plötzlich in einer so fordernden Situation wiederfindet, macht seinen Einsatz, auch seine hoffnungs- und sorgenvolle Haltung Elsa gegenüber umso interessanter. König singt mit warmem Timbre, seine große, sich aber introvertiert präsentierende Stimme ist eine Alternative zu hehren Strahlemännern. Die Gralserzählung, scheu und empfindlich angesetzt, hat hier eher die Form eines auf der Opernbühne allerdings wirklich raren inneren Monologs. Ein Held wider Willen, aus der Defensive heraus, und im Zweikampf mit Telramund weiß man vorerst nicht, wie er das hinbekommen soll. Auch beim von Martin Gantner markant gesungenen und engagiert gespielten Grafen, einem zerquälten Lokalpolitiker im grauen Anzug, weiß man das nicht. Kein Wunder, aber originell, dass es der Chor schließlich selbst ist, der Lohengrin zum Sieg drängelt und stupst. Der Sieg besteht dadurch in einem einzigen, halb zufälligen Schlag. Kann gefährlich sein, so eine Menschenmenge.

Überhaupt führt Schilling den sensationell kompakten und noch in den martialischsten Männerszenen hochkultivierten Chor (geleitet von Manuel Pujol) detailliert. Das sind nicht einfach (in viele Pärchen aufgeteilte) Zuschauer und Jubelmassen, vielmehr versuchen sie hier selbst, ihr Ding zu drehen, ihr Glück zu forcieren. Natürlich muss vage bleiben, worum es dabei letztlich geht (was ist das, das Glück?). Nicht vage ist der konsequente Schluss. Ortrud, die machtvoll sich nach vorne singende Okka von der Damerau, triumphiert, indem sie ihrerseits einen beliebigen Choristen als Strohpuppen-Herrscher aufbauen wird. Als wäre er der heimgekehrte Gottfried, den der abziehende Lohengrin soeben angekündigt hat. Für Elsa wird es ganz eng am Ende. Kann gefährlich sein, so eine Menschenmenge, wie gesagt. König Heinrich, Goran Juric, arrangiert sich übrigens immer geschickt und jovial mit den diversen Entwicklungen.

Spannender als die offenbar gezielt penetrant heutige Kostümierung (Tina Kloempken) ist die Bühne von Raimund Orfeo Voigt, ein schwarzer, sich nach hinten verjüngender Schacht, an dessen Ende es nach unten geht. Ein gangbarer Abgrund, ein Ort auch für Wiedergänger.

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