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Oper Kein Rädchen im Getriebe

Warum der Frankfurter Bariton Holger Falk lieber Opern von Rihm und Trojahn singt als von Mozart und Rossini. Und wie ihn die konservative bayerische Provinz auf diesen Weg gebracht hat.

Holger Falk
„Gerade wir Sänger, die schön singen können, müssen Zeitgenössisches machen“, sagt Falk. Foto: Renate Hoyer

Herr Falk, wie häufig hören Sie diesen Satz: So eine schöne Stimme hat er, der Herr Falk, warum singt der nur immer so komische Sachen? 
Von „komischen Sachen“ spricht eigentlich niemand. Aber ich werde schon häufig gefragt, warum ich mich so sehr auf das zeitgenössische Musiktheater konzentriere. Worauf ich dann immer die Gegenfrage stelle: Ist es nicht eher komisch, dass es als außergewöhnlich angesehen wird, wenn ein Mensch sich der Kunst der Jetztzeit widmet? 

Allerdings stimmt ja auch: Sie sind ein bekennender Lied-Sänger, aber wann haben Sie Ihr letztes Schubert-Lied gesungen? Unter der Dusche? 
Erst kürzlich im Oktober im Kultursalon des RBB. Auch im März zum Beispiel mache ich ein reines Schubert-Programm, im Radialsystem in Berlin. Und im Rockefeller Center in New York wird es voraussichtlich eine Kombi aus Schubert und Eisler geben. Gerade Schubert ist ein Komponist, der – weil vom Volkslied kommend – immer den schlichten Ton des Hier und Jetzt trifft. Deswegen singe ich ihn gern. Es kommt natürlich auch immer darauf an, wie man ihn singt. Aber darauf kommt es auch bei den modernen Komponisten an. Ich glaube, dass die Frage, warum einer, der eine schöne Stimme hat, zeitgenössisches Repertoire singt, überhaupt nur aufkommt, weil es eine Zeit gab, in der oft solche Sänger das sangen, die im Mainstream keine Karriere machen konnten. Als Verlegenheitslösung also. Und entsprechend haben die Komponisten nicht für schöne Stimmen komponiert, also nicht kantabel, sondern irgendetwas zwischen expressiv und brutal. Und das dann zu singen haben wiederum Sänger mit schönen Stimmen keine Lust. Ein Teufelskreis. Darüber habe ich mich mit dem Komponisten Peter Eötvös lange unterhalten. Er sagt, er kann nur für Sänger komponieren, die er kennt. Sonst fällt ihm nichts ein. Da ist mir bewusst geworden, dass gerade wir Sänger, die wir schön singen können, zeitgenössische Musik machen müssen. Sie gewinnt dadurch an Qualität. Sonst stirbt die Kunst irgendwann. 

Nervt es Sie, wenn Sie sich rechtfertigen sollen für Ihre Repertoireauswahl? 
Habe ich gerade den Eindruck gemacht? Nein, ich habe da schon Verständnis dafür, dass man es ungewöhnlich findet. Wobei ich mir wünschen würde, es wäre normaler – und es würde viel mehr Energie, Aufmerksamkeit und Geld ins zeitgenössische Musiktheater fließen. 

Apropos Geld: Ist die Nische, in der Sie sich musikalisch bewegen, wirtschaftlich gut gewählt? 
So allgemein lässt sich das nicht sagen. Wenn du ein Künstler bist, machst du das, wofür deine Leidenschaft brennt. Ich bin ein Theatermensch, deshalb mache ich Musiktheater, und da kann ich mich im zeitgenössischen Bereich erst einmal viel freier ausdrücken als im klassischen. Der Konkurrenzdruck ist da natürlich nicht so groß, wie wenn ein „Don Giovanni“ auf dem Programm steht. Aber taktisch sollte man bei der Repertoirewahl keinesfalls vorgehen. Eigentlich habe ich recht gute Gagen, aber gerade eben ist mir da etwas Unglaubliches passiert. Ich wurde von einem der größten deutschen Opernhäuser eingeladen für eine Hauptrolle in einer Uraufführung. Sechs Monate habe ich auf die Termine warten müssen, denn in der Prioritätenliste werden solche Projekte ganz unten angesiedelt. Dann kamen die Termine und dazu ein Gagenangebot, das geringer war als das, was ich vor sieben Jahren am gleichen Haus bekommen hatte. Im Gespräch stellte es sich für mich so dar, dass das Haus diesem Bereich keine besondere Wichtigkeit zuerkennt, es vielleicht nur eine Art „künstlerisches“ Feigenblatt ist. Zum ersten Mal in meiner Karriere habe ich mich entschieden, ein Opern-Projekt abzulehnen aufgrund einer zu niedrigen Gage. 

Sie bezeichnen sich als Theatermensch. Ein Münchener Zeitungskollege hat das einmal zugespitzt in „Ausdrucksextremist“. Müssten Sie sich bei Mozart und Schubert zu sehr zurückhalten und bietet nur die zeitgenössische Musik da das passende Umfeld für Sie? 
Nein. Nehmen Sie den „Elias“ von Mendelssohn, den ich neulich in Potsdam gesungen habe, als szenische Produktion. Wollte ich zuerst nicht machen, der alte Prophet, was hat das mit mir zu tun. Der Dirigent Titus Engel gab mir dann aber die Freiheit, ihn so zu singen, als wäre es eine zeitgenössische Partie. Ich konnte also in den Proben ein Füllhorn öffnen und alle Klänge zulassen, Schreien, Röcheln, alles, was die Figur angeboten hat. Und das haben wir dann etwas stilisiert – das hat gut funktioniert. Die Figur wurde lebendig, aber die Schönheit der Musik ging nicht verloren. Das hat mir gezeigt: Ich kann heute klassische Partien anders singen als früher. Das zeitgenössische Musiktheater hat mich als Musiker reifen lassen. 

Ein Psychologe könnte auf die Idee kommen, das alles auf Ihre Zeit bei den Regensburger Domspatzen zurückzuführen, die Sie als von Angst und übergroßer Autorität geprägt beschrieben haben. Raus aus Korsett und Konvention und rein in die endlose Freiheit der Neuen Musik? 
Vielleicht schon, ja. Es waren ja nicht nur die Domspatzen. Ich bin in Bayern auf dem Land groß geworden, in einem sehr konservativen Umfeld. Und habe mich in meinen Zwanzigern sehr stark daran gerieben, dass man als Sänger möglichst ein Rädchen im Getriebe sein soll. Man musste funktionieren – aber dass man ein Künstler ist, der etwas Neues, Eigenes in die Welt bringt, dazu wurde ich nicht ausgebildet. Das hat sicher unbewusst auch dazu geführt, dass ich heute das mache, was ich mache. 

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