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Oper Ich will sterben, aber weiß nicht wie

Am Staatstheater Karlsruhe wird Mozarts morbides Frühwerk „Lucio Silla“ zur kleinen, zarten Vampir-Geschichte.

Lucio Silla
Lucio Silla in seiner Bildschirmgruft. Foto: Falk von Traubenberg

Lucio Silla ist ein Vampir. Das erklärt einiges. Seine offensichtliche Macht, aber auch seine den Abend über Gebühr verlängernde Unentschlossenheit sowie seinen verzärtelten Narzissmus. Denn so gewalttätig Vampire sind, haben sie einschlägiger Lektüre zufolge eine empfindsame und dekadente, quasi lebensuntüchtige Seite.

James Edgar Knight verkörpert sie am Staatstheater Karlsruhe vollendet und mit Sinn für smarte Gestik und gutgeschnittene Anzüge. Ihm dabei zuzuschauen, wie er Austern mit Zitrone bespritzt und schon einmal eine nascht, ist ein Erlebnis, auch ist sein dunkel timbrierter Tenor elegant und von einer gewissen blasierten Distanz zu den Dingen wie er selbst. Herrlich, wie er gar nicht wahrzunehmen scheint, dass Giunia, Ekaterina Lekhina, blondgelockt, ganz Fleisch und Blut und mit einem kürzeren Kleid, als es ihrer Lage angemessen ist (und mit sanftem runden Sopran), garantiert auch langfristig nichts von ihm wissen will. Im dritten Akt und in Verzweiflung schaut er sich das auf den alten Überwachungsvideos an, nicht ad hoc gereift zur Selbsterkenntnis, sondern schlichtweg entsetzt über sich selbst.

Die fundamentale Schwierigkeit, nein, Unfähigkeit zu verstehen, dass andere Menschen ebenfalls denken und fühlen, jedoch u. U. nicht so, wie man selbst gerne hätte, teilt er mit seiner Schwester Celia, Uliana Alexyuk (mit quecksilbrigem Sopran), deren Zurückgebliebenheit klinische Züge trägt. Nicht nur kann sie partout nicht nachvollziehen, weshalb eine Frau, deren Geliebter tot ist, nicht direkt den nächsten nimmt – denn die Personenführung ist auch hier keineswegs aus der Luft gegriffen –, sondern sie spielt auch mit einem Puppenhaus und Barbie-und-Ken-großen Nachbildungen des Opernpersonals. Zwischenzeitlich werden sie aufgehängt. In der bedrängenden Atmosphäre zu Beginn des 3. Aktes ist vorerst nur in Ruhe zu hören, wie sie einer Puppe die Haare abschneidet.

Eine angenehme Umgebung ist das nicht. Auch ohne römisches oder – was noch ungewöhnlicher erscheint – zeitgenössisch politisches Dekor wird die aktuelle Seite im Morbiden des Librettos („Ich will sterben, aber ich weiß nicht wie“) voll erfasst. Wer es etwas deutlicher braucht, den verweisen Filmschnipsel zur Ouvertüre auf JFK, Putin, Trump und ihren nicht kärglichen Lebensstil, und vielleicht ist es auch klug, vorab einmal klarzustellen, worum es hier eigentlich geht: um Politiker und die Sphäre, in der sie sich bewegen (das Volk: Beiwerk). Knights Silla ist das Gegenteil eines derzeit nicht allgegenwärtigen, aber dominanten Herrschertyps, teilt mit diesem aber eine schwere Störung der Selbst- und Fremdwahrnehmung, überhaupt der Wahrnehmung.

Giunia ist kurzum in ein Geisterhaus geraten, umkreist von ihrem Liebhaber Cecilio, dem Counterstar Franco Fagioli (ein schillernder Stimmzwilling zu Giunia in dieser Nacht der Soprane) und dem Silla-Gegner Cinna, Irina Simmes (mit metallisch glänzendem Prachtsopran).

Regisseur Tobias Kratzer und Ausstatter Rainer Sellmaier zelebrieren ihre Ideen in der Inszenierung – einer Koproduktion mit dem Théâtre de la Monnaie in Brüssel – aber nicht. Sie lassen sie so mitlaufen. Eine Designervilla zwischen Tannen, die schon im zweiten Akt zum Überwachungsbunker wird (Video: Manuel Braun), ist der Schauplatz. Daneben ein paar schiefe Grabsteine aus lang vergangenen Zeiten. Dass der jeweils nur kurz auftretende Chor eine von Blut angelockte Schar kriebelnder, krabbelnder, geifernder Vampire ist, dass Silla Giunia beißen wird und Giunia ihren Geliebten, ist gewitzt, aber nicht penetrant.

Tatsächlich würde die Musik des 16 Jahre alten Wolfgang Amadeus Mozart mehr Brimborium wohl auch schwerlich aushalten. Die Signale, die Johannes Willig aus dem Graben sendet, sind milde und leichtfüßig. Die anspruchsvollen Arien werden in Karlsruhe furios vorgetragen – und wenn Fagioli nicht weiß, ob er aus Wut oder Hoffnung zittert, dann vibriert die Luft –, aber wie in jeder anständigen Opera seria beruhigt man sich anschließend auch wieder.

Staatstheater Karlsruhe: 19. Juli.
www.staatstheater.karlsruhe.de

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