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Oper Frankfurt Eine verrückt schöne Virtuosität

Triumph des Absurden: Manfred Trojahns dramatische Musikkomödie „Enrico“ erstmals in Frankfurt.

Szene aus „Enrico“
Ist er nun wahnsinnig? Holger Falk als Enrico und Juanita Lascarro als Marchesa Matilda Spina. Foto: Barabra Aumüller

Das darf man vorbildliche Repertoirepflege nennen: Die Oper Frankfurt spielt jetzt „Enrico“, Manfred Trojahns 1991 in Schwetzingen uraufgeführte „dramatische Komödie“ nach Pirandello. Die Erinnerung daran, dass die Geschichte des Opernkomponierens nicht etwa um 1918 aufhörte und bloß inselhaft-pflichtgemäß mit gelegentlichen Uraufführungen illusionär dingfest gemacht zu werden verdient, gehört zu den programmatischen Tugenden des Bernd Loebe’schen Musiktheaters.

Als Avantgarde-Gerücht war die Oper(nproduktion) nach 1960 zwar einige Jahrzehnte tot, doch auch da entstand genug hörenswert Vergessenes, was (wieder) zu entdecken wäre: Werke von Giselher Klebe, Reinhard Febel, Volker David Kirchner, Sylvano Bussotti, Bruno Maderna, Jan Cikker und vielen anderen. Trojahn gehört einer – den Vätern kritisch begegnenden – Generation an, die wieder an den Fortbestand des musikalischen Theaters glaubte. Soviel zum Thema Rezeption und Vernunft.

Im „Enrico“ freilich regiert der helle Wahnsinn. So schräg und fetzend, dass man als Publikum kaum zur Besinnung kommt. Atemlos geht es schon los mit quirligen, drastisch wirbelnden Vokalensembles à la Rossini. Aber zugespitzt und überdreht in einer grotesken, bizarren, verzerrten Diktion, in der tonale Assoziationen und melodische Linienführungen karikaturistisch verbogen, gequetscht, auseinandergespreizt erscheinen.

Es muss verrückt schwer sein, solche Partien zu lernen und sie dann in einen akkurat gedankenschnellen Ablauf einzubringen. Verrücktheit als Virtuosität. Das minuziös elaboriert Artifizielle als Irrenwitzigkeit. Die Oper, eine Destilliermaschine des Wahnsinns.

Trojahns tonsprachliches Raffinement erschöpft sich aber nicht in Flinkheits-Überbietungen; staunenswert sind auch die Ruhezonen, das jähe Innehalten, der Wechsel von sanften Übergängen und abrupten Schnitten, das im Stillstand weiter- oder vorauswirkende Davonrasen.

Wie bei einer Bewusstseinsläsion rauschen die Fragmente des Operngedächtnisses durch die Partitur, hier eine wie auf Flugsand gebaute „Gianni Schicchi“-Aufbäumung, dort ein Fragment des Mohrenmarsches aus dem „Rosenkavalier“ und tausend andere Splitter. Trojahns Musik ist ein Kaleidoskop in heftiger Bewegung mit lähmend alogischen Unterbrüchen.

Roland Böer als Dirigent des mittelstark besetzten, hochmotivierten Opernhaus- und Museumsorchesters hat Schwerstarbeit zu leisten. Doch das klingende Ergebnis wirkt wie Zauberei, aus dem Ärmel geschüttelt. Oder auch: sternschnuppenhaft aufblitzendes akustisches Konfetti.

In diesem typischen Pirandellostoff geht es um einen jungen Mann, der sich in einem Maskenzug als Kaiser Heinrich IV. verkleidete und, vom Pferd gestürzt, das Bewusstsein verlor. Wieder erwacht, wird er von seiner Umgebung spaßeshalber weiterhin in der Kaiserrolle angesprochen. Es bleibt offen, ob er selbst an die neue Identität glaubt oder den Salierkaiser nur mimt. Geisteseintrübung als Fluchtimpuls, ein Hölderlin- und Robert-Walser-Motiv.

Die Konstellation der Mitspieler veranlasst ihn nach und nach dazu, sich in dramatische Verwicklungen hineinzusteigern und am Ende seinen Kontrahenten Belcredi zu töten. Um für diese Tat nicht verantwortlich gemacht zu werden, muss er den Wahnsinnigen weiterspielen. Die Dynamik der Ereignisse driftet also unweigerlich ins Katastrophische. „Enrico“, eine Komödie mit tödlichem Ausgang. Die Maskerade endet mit Blut.

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