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Oper Frankfurt Die schöne Wilde stirbt himmlisch

Begeisterung mit Meyerbeer: „L’Africaine – Vasco da Gama“ als opulentes Science-Fiction-Spektakel an der Oper Frankfurt.

Überhaupt diese Operntode! Gift und Dolch sind da ja alltäglich; Eingemauert- oder Gesottenwerden („Aida“, „La Juive“) aber schon recht apart. Dann gibt es natürlich die schrecklich gewaltförmigen Feuertode aus der allerchristlichen Sphäre um Jeanne d’Arc und die Heilige Inquisition, denen man lieber mit dem ausgesprochen schönen Sterben der Wagner’schen Isolde (Selbsthypnose) und, ja, dem ewigen Entschlummern unter einem Gift ausströmenden „Manzanillobaum“ parieren möchte. Der Opernignorant wäre versucht, dabei an einen Zwergapfelbaum zu denken (Manzana=spanisch Apfel). Doch dieser Finalclou in Giacomo Meyerbeers letzter Oper „L’Africaine“ ist wohl als heimtückisch-sanfter botanischer Exot einzuschätzen.

Die Phantasie möchte ihn sich malen als ein tropisch feuchtes Monument, als einen erratischen Weltenbaum. Schafft er die Entseelung der „Afrikanerin“ – die vielleicht auch eine Inderin ist, es gibt mehrere Versionen –, indem er seine Blätterpracht allmählich um den Frauenleib schlingt und mit ihm verwächst wie bei der sagenhaften griechischen Daphne? Was gibt so ein Todesbaum dramaturgisch her? 

Meister der Metamorphosen

Weit kühnere Spekulationen als wir ahnungslosen Opernbesucher stellte der in Frankfurt tätige Regisseur Tobias Kratzer an. Ganz sicher ist er ein Meister der klug arrangierten Metamorphosen. Er verwandelt und verwirbelt die Motivik der Opernhandlungen, ohne ihren Hauptnerv zu verletzen. Triftiges, ja Atemberaubendes kommt dabei heraus. Der Tod der Afrikanerin, im Gegensatz zu Wagner’schen Frauentoden eine gleichsam innerweltliche Erlösungstat (sie ebnet der Jugendliebe und den Kolonisationstaten des ruhmsüchtigen Portugiesen Vasco da Gama den Weg), wird nicht nur unter Laubfittichen, sondern auch noch als Vision im imaginären Weltraum zelebriert.

Überhaupt, wer von Meyerbeer redet, muss auch von Wagner reden. Der Hass des Bayreuthers auf den einst viel berühmteren Kollegen war auch ein Stück Selbsthass – die Verachtung eines alternden Philosophie-Adepten angesichts eigener kruder Praxis in frühen Jahren. Gemessen an der ordinär effekthascherischen „Rienzi“-Machart sind die drei Hauptwerke der Meyerbeer’schen Grand opéra – „Les Huguenots“, „Le Prophète“ und eben „Die Afrikanerin“ – subtil ausbalancierte und mit großem Kunstgeschmack synthetisierte chef d’oeuvres. 

Ohne Wagner und Hitler wäre Meyerbeer nie so vollständig von den Opernspielplänen verschwunden. Freilich gab es auch nach 1945 noch eine längere Periode, in der die virtuose Gesangskultur (vor allem das Belcanto, für Meyerbeer ähnlich wichtig wie für Rossini, Bellini, Donizetti) ausgestorben schien. Das hat sich dank der Ausweitung und Internationalisierung des Sänger-„Marktes“ geändert. Seit etwa 1990 gibt es auch in Deutschland wieder regelmäßiger Meyerbeer-Aufführungen.

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