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Oper Frankfurt Der Diktator hält sich fit

Keine leichte Aufgabe, aber die Oper Frankfurt präsentiert Ernst Kreneks disparates Triptychon plausibel und spannend.

Diktator
Ist sie ihm schon verfallen? Sara Jakubiak und Davide Damiani im „Diktator“. Foto: Babara Aumüller

Als der Musikkritiker Theodor W. Adorno im Dezember 1928 die Premiere des Triptychons von Opern-Einaktern Ernst Kreneks in der Frankfurter Oper besuchte, war er nicht begeistert und spielte in seiner Rezension mit dem Begriff der stabilisierten Musik. Einem sachlich getarnten Schimpfwort, mit dem der Rezensent deutlich machen wollte, wie enttäuscht er von der einstigen Hoffnung des musikalischen Fortschritts war. Jetzt, beim Klassizismus und bei einem dem Zeitgeist sich andienenden Komponieren des 29-Jährigen erlebe man „handfeste Bürgerlichkeit... wenig märchenhaft und träumen hätte man es sich auch nicht lassen: wenigstens nicht bei Krenek, der nicht bloß seine Musik stabilisiert hat.“

Bald 90 Jahre nach diesen Worten war man in Frankfurts Oper ob solcher Stabilisierung rundum begeistert, während Krenek mit dem, was er nach diesem „Rückfall“ bis zu seinem Lebensende 1990 komponierte, nämlich Zwölftöniges und Serielles, heute wohl eher als toter Mann dastünde. So hat sich die Perspektive radikal gewandelt und das maßgeblich tonale Konstrukt mit romantischem Idiom war sehr willkommen. „Der Diktator“ ist 1926 entstanden, „Schwergewicht oder die Ehre der Nation“ sowie „Das geheime Königreich“ ein Jahr später. Bei den Wiesbadener Maifestspielen 1928 fand die Uraufführung statt. Damals war Paul Bekker, der Wiesbadener Intendant, Regisseur dieser „Zeit-Opern“ seines Assistenten Ernst Krenek.

Jetzt lag die Inszenierung des Triptychons in den Händen von David Hermann. Keine leichte Aufgabe, sind die drei Stücke dessen, der nach eigenem Bekunden damit „schamlos in Puccinis Fußstapfen trat“, doch ähnlich disparate Formate wie die der drei Einakter Giacomo Puccinis: „Der Mantel“, „Schwester Angelika“ und „Gianni Schicchi“. Krenek standen sie als dramaturgischer Verlauf vor Augen: Beziehungs-Drama, dramatische Legende, Burleske. Die dramatische Legende vom Königreich hat man in Frankfurt an den Schluss gesetzt und mit der Burleske vom Schwergewicht der Nation das Publikum in die Pause des zweistündigen Opern-Abends geschickt. Jedenfalls ergab sich so mit dem längsten und in elegisch-hohem Ton endenden Werk eine effektive Zielführung.

Wiederkehrende Personage

Sie war abhängig von einem entscheidenden Regiekniff: die fünfköpfige Personage des „Diktators“ trat in den beiden folgenden Stücken mit ihrem ursprünglichen Rollen-Habitus auf, was einen von den einzelnen Werken nicht gegebenen Entwicklungszusammenhang suggerierte. So wurde dann aus dem Diktator die Sportskanone im gar nicht mehr zu stoppenden Trimmgerät und im finalen Königreich-Märchen der seine Königsrolle mit der des Narren tauschende Weise im Einssein mit der Natur.

Der eigentliche Narr des Königs wiederum ist eine Art Maître de plaisir des Ganzen und fungiert als Ankündiger in den anderen Stücken. Ebenso begegnen einem die Kriegsblindenbrillen des Beginns wieder und auch die weiblichen Akteure als Geliebte oder Ehefrauen ihrer hörnenden und gehörnten Männer.

Das ist ein plausibles Konzept, unter dem allerdings die Burleske des Boxers leidet, wo die Idiotie der Modern Times mit ihrem Effizienzwahn, körperlicher Fitness- und Rekordsucht samt Pseudo-Wissenschaftlichkeit zu billig auf die eingefügte Person des Diktators abgelenkt wird. Zumal Situationskomik, Slapstick und clowneske Bösartigkeit in diesem eigentlich exzentrischen Stoff nur in homöopathischer Dosis verabreicht wurden. Die exzentrischen Elemente purzelten nur in der Musik, wo die derben Revue-Effekte noch schärfer hätten sein können.

Was die Ausstattung des Abends anbelangt (Bühnenbild von Jo Schramm), kommt das Auge durchaus auf seine Kosten. Im „Diktator“ herrscht cleane Räumlichkeit und Damenmode von exquisitem Look (Kostüme von Katharina Tasch). Der Diktator-Athlet-König in einem Outfit gemischt aus T-Shirt-Banalität und goldschwarzem Ornat. Dazu eine hübsche Frisuren-Melange aus Scheitel, Glatze und Punk-Rasur in hochaktuellem Präsidentenblond.

Die Kulisse des Boxer-Stücks ist ein klassisches Tingeltangel-Muckibuden-Konglomerat. Das dreiviertelstündige Märchen spielt zunächst in einer Hausruine samt Führerbunker und dann, beim Tausch der Narren- und Königsrolle, in einem großartigen, höchst naturalistisch rübezahligen Waldlandschaftsprospekt fast wie von Moritz von Schwind. Der König zuletzt auf einem Felsen hockend mit Holzstock als Szepter und einem grünen Heiligenblätterkronenschein: naturreligiöser Edelkitsch.

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester kam von Stück zu Stück besser ins Spiel und hatte beim „Geheimen Königreich“ die gesamte Klangpalette Kreneks souverän zur Verfügung. Gewisse Sprödigkeiten im puccini-affinen „Diktator“ mögen interpretatorischer Entscheidung geschuldet gewesen sein. Lothar Zagrosek, der Dirigent, bevorzugte im Gegensatz zu anderen Darbietungen dieser Stücke eine weniger süffige Klanglichkeit.

Stimmlich bestach im „Diktator“ vor allem Sara Jakubiak – die dem Kriegsführer verfallende Frau eines Kriegsblinden, den sie doch eigentlich rächen wollte. Im „Geheimen Königreich“ brillierte, wenn auch mit einiger forcierter Höhenschärfe, Ambur Braid in der viel Virtuosität abverlangenden Rolle der Königin. Im Ensemble zusammen mit dem Narren (sehr gut: Sebastian Geyer) und den Drei singenden Damen (Alison King, Julia Dawson, Judita Nagyová) kam hier eine der artistischsten und lebhaftesten Partien der Trilogie zur Geltung.

Der Frankfurter Universal-Herrscher aber war Davide Damiani, der mit sicherer, fundierter Stimme und sauberer Intonation unaufgeregt agierte. In Frankfurt kann man also lebhaft gewordene stabilisierte Musik kennenlernen.

Oper Frankfurt: 5., 7., 12., 14., 18., 21. Mai.
www.oper-frankfurt.de

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