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Oper Frankfurt „Bei Männern muss man manchmal deutlicher sprechen“

Die Sopranistin Marlis Petersen spricht im FR-Interview über das Normalsein auf der Bühne, über Grenzen und Abgründe, den Regietheater-Tango und ihr Rollendebüt als „Lustige Witwe“ an der Oper Frankfurt.

Petersen
„Ich komme als weißes Blatt Papier auf die Proben“, sagt Marlis Petersen, hier auf der Bühne der Frankfurter Oper. Foto: Renate Hoyer

Wie hat sich also jetzt hier in Frankfurt die „Lustige Witwe“ ergeben? Sind Sie gefragt worden?
Ja, wobei das ohnehin der häufigste Weg ist. Hier war die Kombination besonders toll, weil Claus Guth inszeniert, mit dem ich wahnsinnig gerne arbeite. Und bei dem ich weiß, das wird keine normale Witwe. Es wird vielschichtig und super spannend werden. Das Publikum wird alles bekommen, was es erwartet, aber auch noch mehr als das. Dazu kommt, dass ich zum ersten Mal eine richtige Neuproduktion an diesem Haus mache. Das freut mich sehr.

Was ist diese Glawari für eine Frau?
Hier ist sie vor allem eine Frau, die aus ihrem Land kommt, Pontevedro oder Montenegro, wie Sie wollen. Das hat sie in sich drin, dieses Erdige. Christian Schmidt stattet den 2. Akt ...

... das pontevedrinische Fest ...
... auch richtig folkloristisch aus. Pontevedro-Montenegro lebt in ihr. Jetzt kommt sie nach Paris, eine andere Welt. Sie spielt eine Rolle, manchmal gelingt ihr das, manchmal nicht. Wenn sie aber Danilo trifft, mit dem sie eine Vergangenheit hat, ist sie Mensch. Damit spielt die Inszenierung: Was ist Wahrheit, was ist Spiel?

Müssen Sie eine Figur mögen, um sie zu singen?
Absolut. Mögen im Sinne von: interessant finden. Ich kann auch eine widerliche Type singen, wenn sie mir etwas sagt. Wenn ich zu einer Rolle keine Beziehung habe, sie mich nicht ruft, dann lasse ich die Finger davon.

Sind Sie angenehm für einen Regisseur?
Ich glaube ja.

Sind Sie der mitredende Typ?
Schon, aber im Sinne des Regisseurs, würde ich sagen. Meine Devise ist: Ich komme als weißes Blatt Papier auf die Proben, und ich mag es, wenn man mich beschreibt. Wie eine Staffelei, wie ein Bild, das entsteht. Das finde ich toll. Wie ich beschrieben werde, muss ich aber auch verinnerlichen können, damit es dann wieder herauskommt in der Vorstellung. Ein wunderbarer Prozess.

Sie haben mit Peter Konwitschny gearbeitet. Auch Claus Guth oder „Alcina“-Regisseurin Tatjana Gürbaca inszenieren nicht gerade stromlinienförmig. Was sagen Sie den Feinden des Regietheaters?
„It takes two to tango“, heißt es. Es braucht die Bereitschaft des Publikums, sich damit auseinanderzusetzen, und es braucht auch die Kommunikationsfreudigkeit des Hauses, den Menschen, der da unten sitzt, einzuladen, es zu verstehen. Da setze ich mich schon wieder in die Nesseln, da sagen dann Leute: Die müssen das jetzt halt verstehen. Ich sage aber: Nein, damit bin ich nicht einverstanden. Man muss ja nicht alles verraten, aber man muss eine Hand reichen. Schon die Info, dass es in der Witwe verschiedene Ebenen gibt, auch eine Filmebene, dass es um Rollenspiele geht, wird ein Publikum anders zuhören lassen. Wenn Leute umgekehrt grundsätzlich sagen, modernes Musiktheater sei Blödsinn, dann haben sie nicht hingeguckt und schon gar nicht hingefühlt.

Schauspielregisseurin Karin Henkel hat im Interview bei uns gerade bestätigt, dass der Theaterbetrieb letztlich immer noch ein Männerladen sei. Was ist Ihr Eindruck? Sie haben es hier mit einer jungen Dirigentin zu tun, immer noch eine Ausnahme.
Ja, das ist eine Rarität. Joana Mallwitz macht das fantastisch. Ich habe selten so eine klare Aura erlebt, aus dem Orchester höre ich keinen Mucks, alle sind total bei der Sache. Der Betrieb insgesamt kommt mir allerdings vor allem bunt vor.

Aber Sie werden mehr mit Regisseuren als mit Regisseurinnen arbeiten, oder? Macht das einen Unterschied, wenn es doch um weibliche Figuren geht?
Ja. Die Frauenpsychologie versteht sich automatisch. Ich hatte schon vor vielen Jahren ein Erlebnis in der „Lulu“ mit der Regisseurin Antje Kaiser, die kurz etwas sagte, und ich wusste schon, was sie meinte, und konnte es sofort szenisch umsetzen. Bei uns Frauen läuft vieles nonverbal. Bei Männern muss man manchmal deutlicher sprechen. Und es stimmt, eigentlich habe ich in meinen 25 Berufsjahren nur mit drei Regisseurinnen gearbeitet, das ist nicht viel.

Ist die Glawari eine leichte Rolle, wenn man Lulu oder Aribert Reimanns Medea gesungen hat?
Sie ist wesentlich leichter, natürlich. Auch leichter als Rosalinde in der „Fledermaus“ zum Beispiel, die eine richtige Opernfrau ist. Bei Lehár kann man schwelgen und zaubern und muss sich nicht extrem anstrengen. Allerdings ist die Glawari etwas tiefer als meine gewöhnlichen Rollen. Da ist dann die Frage, ob die Stimme auf der Mittellage trägt.

Trägt sie?
Ich hoffe.

Sie leben auch in Griechenland. Haben Sie ein Haus dort?
Ich habe eine Mietwohnung in Athen, seit neun Jahren schon. Und inzwischen auch ein Haus gebaut, auf einem Stück Land auf dem Peloponnes, wo ich eigenes Olivenöl mache. Ein wunderbares Gegengewicht.

Empfinden Sie Ihr Leben als anstrengend?
Ja, sehr. Aber da muss ich auch immer zu mir selber sagen: Marlis, wir sind immer unseres Glückes eigener Schmied. Ich könnte sagen, ich mache nur noch eine Oper im Jahr und eine CD. Aber das ist schwer, weil die Faszination des Berufes groß ist.

Interview: Judith von Sternburg

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