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Oper Düsseldorf Wanderers Rotweinchen

Dietrich Hilsdorfs braver, aber lebendiger „Siegfried“ in der Düsseldorfer Oper.

Siegfried und Brünnhilde
„Heil dir, Sonne! Heil dir, Licht!“ Siegfried und Brünnhilde im 3. Aufzug. Foto: Hans Jörg Michel

Altersmilde liegt über dem Düsseldorfer „Siegfried“, und das ist bei Regisseur Dietrich Hilsdorf zwar immer noch verblüffend, aber hier nun wieder auch ganz schön. Nachdem ausgerechnet die „Walküre“ – die Hilsdorf schon einmal inszenierte, im gemischten Essener Ring – szenisch durchhing, überzeugt Teil 3 mit guter Personenführung und entspannter Haltung. Dass sich Hilsdorf aufs Erzählen beschränkt, bekommt dem schwierigen, langatmigen, ja, auch zähen Werk, das mit Richard Wagners schauerlichem Humor anfängt und mit quasi unsingbarer Tristan-und-Isolde-Ekstase zu Ende gebracht werden muss. Dabei gilt allerdings wie im „Rheingold“: Mehr Detailarbeit hätte das Vergnügen und – auch ohne größeren Deutungsansatz – die Bedeutung des Düsseldorfer Rings als plausible, gut gelaunte, sympathisch zivile Annäherung erhöhen können.

Die Umgebung, wieder begrenzt von einem nurmehr lose verwendeten Varieté-Birnchen-Rahmen, ist wie zuvor industriell geprägt. Dieter Richter lässt Mime zwischen metallischem Gerümpel hausen. Fafner, Thorsten Grümbel, hat sich – nicht neu, aber gutaussehend – in einer imposanten Dampfmaschine verbarrikadiert. Er ist kein Schlimmer, man wusste es. Brünnhilde hat die Jahre im Helikopterwrack aus der „Walküre“ verschlafen, dem Linda Watson in königlicher Verfassung entsteigt. Ihr Siegfried, Rollendebütant Michael Weinius, wurde mit einem sehr großen Schwert und einem sehr großen Horn ausgestattet. Mit der Ironie überdimensionierter Werktreue muss man sich optisch hier auch weitgehend begnügen. Dafür spielt Mime, Cornel Frey, für zwei. Seine Quicklebendigkeit unterläuft die Routine der Karikatur, macht Mime zur modernen, nicht unsympathischen Figur. Quirlig und präzise, wie er sich bewegt, singt er auch, ein toller Auftritt.

Neben sämtlichen Mime-Auftritten – darunter die verhältnismäßig witzige Wissenswette – überzeugt auch die Alberich- und Wotan-Begegnung. Hilsdorf löst sich etwas von der inzwischen fast üblichen Mafia-Atmosphäre, zeigt zwei stimmlich robuste und farbenreiche Individuen, die ihre Geschichten mit sich schleppen. Alberich, der vorzügliche Jürgen Linn, hat sich noch lange nicht abgeregt und haut in diesem Fall (im „Rheingold“ ging es rabiat zu) einhändig auf seinen Hut. Ein Mann, der kocht. Der Wanderer, Simon Neal, hat ein Fläschchen Rotwein mitgebracht, aber so lässig, wie er gerne wäre, ist er dann gar nicht. Hilsdorf gibt, wie Wagner selbst, überhaupt Gelegenheit, sich zu erinnern. Mime legt eine entsprechende VHS-Kassette ein, wenn die Musik an die Ereignisse damals in Nibelheim erinnert. Eine kleine Ring-Motive-Schule, wirkungsvoll.

Die Begegnung Brünnhildes mit Erda (ihrer ebenfalls wissenden Mutter) ist ein rares spätes Deutungsangebot. Okka von der Damerau muss dafür unheimlich lange unter einer Decke auf dem Sofa rechts stillhalten, oder diese Zauberei wäre wirklich gelungen.

Musikalisch ist „Siegfried“ der übliche Gewaltakt, aber beruhigend kompetent dargebracht. Axel Kober dirigiert die Düsseldorfer Symphoniker in gediegenen Tempi, ein im Wesentlichen „schöner“, kräftiger, nicht exaltierter Orchesterabend. Wunderbar entsprechend das Waldweben mit einem Wald und einem Weben, die wirklich nur zu hören sind, während das Vöglein, Elena Sancho Pereg, kurz auf dem Hallenfenstersims herumhüpft.

Weinius, der bis 2004 als Bariton auftrat, was man sich angesichts seines recht strahlenden Tenors kaum vorstellen kann, teilt seine Kräfte ein, muss sich am Ende nur ein wenig von Linda Watson mitreißen lassen. Watson ist spielend und singend eine Heroine. Beide lassen sich, das muss man sagen, am Ende nicht anmerken, dass sie eine der krassesten Liebe-auf-den-ersten-Blick-Geschichten der Welt erleben. Die Düsseldorfer jubelten, irgendwie gewohnheitsmäßig wurde Hilsdorf auch ein wenig angebuht.

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