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Oper „Der Mieter“ „Jemand kommt sich selbst abhanden“

Der reinste Horror und die engste Zusammenarbeit: Der Schriftsteller Händl Klaus und der Komponist Arnulf Herrmann sprechen über ihre Oper „Der Mieter“, die jetzt in Frankfurt vor der Uraufführung steht.

Komponist Arnulf Herrmann und Librettist Händl Klaus
Arnulf Herrmann (l.) und Händl Klaus beim seriösen Foto in der Oper Frankfurt. Foto: Rolf Oeser

Es wird viel gelacht im Gespräch mit dem Komponisten Arnulf Herrmann und dem Autor Händl Klaus. Über die manische Sacher-Torten-Begeisterung des österreichischen Schriftstellers etwa, der beim Umsteigen zwischen seinen Wohnorten Biel und Wien selten die Confiserie Sprüngli am Bahnhof Basel auslässt. Selbst der Fotograf muss die beiden zu mehr Ernst ermahnen für ein seriöses Bild. Doch es ist keine Komödie, die Herrmann und Händl jetzt als erste gemeinsame Arbeit auf die Opernbühne bringen, ganz im Gegenteil. 

Vor mir sitzen ein Opernkomponist und ein Opernlibrettist, Seite an Seite, gut miteinander vertraut, wie mir scheint. Vor 250 Jahren hätte es solch ein Bild nicht gegeben, da kannten sich Komponist und Librettist in der Regel nicht. Gute alte Zeit oder schlechte alte Zeit? 
Händl Klaus: Ich bin jedenfalls sehr froh, dich zu kennen, Arnulf. 
Arnulf Herrmann: Das wollte ich auch gerade sagen. Ich weiß zwar nicht, wie gut die Zeit damals war, aber für mich käme nie in Frage, ein vorgefertigtes Opernlibretto zu verwenden. Unsere Oper ist im gemeinsamen Schreibprozess entstanden, Szene für Szene. 
Händl: Es ist eine ganz persönliche Auseinandersetzung, für einen Komponisten zu schreiben, dessen Musik man kennt oder erahnt. Es ist eine Begegnung. 

Könnten Sie nicht ein Libretto verfassen, das sozusagen für sich alleine steht? Ohne eine mit einem Komponisten verbundene Klangvorstellung im Hinterkopf? 
Händl: Nein. Ich habe immer auf jemanden zugeschrieben. Wobei ich die Person nicht unbedingt kennen muss. Ich habe im Radio eine Oper von Georg Friedrich Haas gehört, die mich elektrisiert hat, und mir fiel ein Stoff ein für dessen Musik. Und ich dachte: Wer bin ich schon, ich werde dem nie begegnen. Aber der Stoff war da – und 14 Jahre später traf ich dann den Komponisten. Oder ich habe auch etwas für Olga Neuwirth, wozu es aber sicher nie kommen wird. 

Sie weiß noch nichts von ihrem Glück? 
Händl: Nein, sie weiß natürlich nichts davon. 

Gibt es heute Opern-Libretti im luftleeren Raum, also ohne dass sie speziell für einen Komponisten geschrieben werden? 
Herrmann: Ja, schon, …
Händl: Wirklich!? 
Herrmann: ... ich bekomme durchaus E-Mails mit „Ich habe hier ein Opernlibretto“. 
Händl: Das wusste ich nicht! Das ist ja arg! Na! 
Herrmann: Doch, doch. Aber zu meinen grundlegenden Arbeitsbedingungen gehört, dass ich keine fertigen Libretti vertone, weil ich eine Verknüpfung von Musik und Sprache mit einer Entwicklung von Szene zu Szene suche. Das geht bis in kleinste musikalische Details. Für die Oper „Der Mieter“ habe ich aus der Romanvorlage von Roland Topor selbst eine Szenenfolge generiert, was zwei Jahre gedauert hat. Ich habe ja ganze Kataloge von klanglichen Ideen und Motiven, die da mit den Szenen verbunden werden sollten. Dann erst konnte die Arbeit mit Klaus losgehen. Ich habe irrsinnig viel zeitgenössische Autoren gelesen um zu sehen, was ist das für eine Sprache jeweils. Klaus’ Formulierungen und seine Diktion sind aber völlig unverwechselbar. 
Händl: Ich hatte noch nie eine so intensive Zusammenarbeit mit einem Komponisten. Bei Heinz Holliger saß ich viel in der Küche, in deinem Atelier in Berlin aber noch häufiger. Für mich ist es das größte, für Musik zu schreiben. Musik, die mich berührt, die mich erwischt. Da gibt’s gar nicht so viel. 

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