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Oper „Caliban“ Caliban bei den Wilden

Die Junge Oper Rhein-Main zeigt Moritz Eggerts Shakespeare-Oper, quicklebendig und hörenswert.

Szene aus Caliban
Wir Vertreter der Zivilisation: Stephano und Trinculo. Foto: Nikolaus Kockel

Moritz Eggerts Kammeroper „Caliban“ auf ein englischsprachiges Libretto von Peter te Nuyl wirft in einer kompakten Szenenfolge Schlaglichter auf das Schicksal der berühmtesten Randfigur aus Shakespeares „Der Sturm“. Er, den sein Name als durcheinandergewürfelten Kannibalen stigmatisiert, gehört zu den fabelhaftesten Projektionsflächen der nordwestlichen Theatergeschichte, und schon immer hat er weit mehr über die erzählt, die ihn sehen und bewerten, als über sich selbst. Er kann das auch nicht gut, erzählen. Nicht so, wie wir, „wir“ uns das vorstellen.

Eggert und te Nuyl schieben ihn ins Zentrum, treten ihm aber nicht zu nahe. Sie konzentrieren sich darauf, deutlich zu machen, wie die „zivilisierten“ Bewohner und Besucher der Insel sich an ihm abreagieren, an ihm recht gefahrlos sie selbst werden können, so, wie sie sich das vorstellen. Zivilisiert, kultiviert, mächtig, schön, begehrenswert.

Nach der Uraufführung in Amsterdam 2017 hat jetzt die Junge Oper Rhein-Main die deutsche Erstaufführung gezeigt, einmal im Theater Rüsselsheim und einmal im Theater Aschaffenburg. Für 2019 ist eine „Opernwerkstatt“ am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium in Frankfurt angekündigt, überhaupt muss man jetzt einfach darauf setzen, dass die unbedingt sehens- und hörenswerte Produktion noch nicht in der Versenkung bleibt.

Die Außergewöhnlichkeit, dass sich ein junges, freies Ensemble eines nagelneuen Musiktheaterstücks annimmt, erklärt sich aus der Außergewöhnlichkeit des wirklich jungen und offenbar zutiefst neugierigen Ensembles, aber sicher auch aus der unmittelbaren Wirkung von „Caliban“. Eggerts Musik ist eine Oper für Opernfreunde, zugänglich beim ersten Hören, ein zweites Hören aber wünschenswert machend, effektvoll, voller Pseudo- (und vielleicht auch echter) Zitate, so dass im zeitgenössischen Gewand auch große romantische Oper und Barockmusik, Jazz und Tanzmusiken zu hören sind.

Ramponierte Zivilisation

Stark rhythmisch ist das elfköpfige Instrumentalensemble ausgerichtet, von David Holzinger in Aschaffenburg glänzend zusammengehalten und durch die Klippen geführt, wie es einer Geschichte gut steht, die auf einer einsamen Insel spielt. Im Bühnenbild von Theresa Steinert, das sich im Aschaffenburger Theater-Kleinod vorzüglich macht, spiegelt sich der aparte Mix wider, barockisierende Details, bizarr angehäuft zu einem schönen Trümmerhaufen einer auch moralisch ramponierten Zivilisation.

Die Zivilisation trägt Purpur (Kostüme: Sophie Simon). Ihre Protagonisten stolzieren mit einigem Wohlbehagen an sich selbst umher, angeführt von dem Schauspieler Josia Jacobi als Prospero, einem jugendlichen Beau. Dramaturgisch war es darum naheliegend, Miranda zu seiner Schwester zu machen, Katharina Nieß, in Eggerts musikalischem Konzept und Max Kochs detailreicher, den Figuren sehr zugewandter Regie die klassische Opernsopranistin. Dass sie musikalisch darum glänzend zu Caliban passt, Michael Long mit wildem Haar, aber dem Wohlklang eines hochkultivierten Tenors, entgeht dem Personal, nicht jedoch dem Publikum. Das ist Eggerts durchschlagender Kommentar zu Calibans Einordnung, während sich Miranda selbst mit dem schmucken Ferdinand zufrieden gibt, Thomas Dorn. Zusammen mit Manuela Strack purzelt er außerdem hinreißend als Buffo-Paar Stephano & Trinculo über die Bühne.

Das Musiktheater, keine Überraschung, aber wieder erfreulich, ist, sieh an, traditionsverbunden und quicklebendig und unheimlich unterhaltsam.

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