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"Onkel Wanja" "Macht nichts. Macht nichts"

Tsechows "Onkel Wanja" mit Striesow, Lardi und Ostendorf kommt endlich nach Frankfurt. Die Theater T!-Produktion ist radikal anders: Ungemütlich, unmanierlich, brutalisiert. Von Andreas Wilink

07.05.2009 00:05
ANDREAS WILINK
Devid Striesow als Wanja und Ursina Lardi als Jelena. Foto: david baltzer/bildbuehne.de.

Das ist nicht die feine russische Art. Nicht der elegische Kammerton, mit dem Tschechow - etwa vom weltberühmten Sam Mendes, wie soeben bei den Ruhrfestspielen zu sehen - inszeniert und mit dessen Hilfe die Birkenwäldchen-Atmosphäre gewissermaßen ins Sprachliche übersetzt und zum naturalistischen Missverständnis aufgeforstet wird. Der Tschechow von Thorsten Lensing & Jan Hein und ihrem Theater T!, der seit über einem Jahr mit großem Erfolg durch das Land tourt und nun in Frankfurt zu sehen ist, ist radikal anders. Ungemütlich, unmanierlich, brutalisiert.

In "Onkel Wanja" gibt es den Provinz-Arzt, Landmenschen und Städter, die begehrte Frau und die unglücklich Liebende, die Zu-Kurz-Gekommenen und den Erfolgsverwöhnten - einen Literaturprofessor. Die vier Akte erzählen, wie jedes Drama Tschechows, von allem und nichts und davon, wie Zeit verfließt, wie sie sich dehnt, verkürzt und still steht.

Auf der von Hannah Landes eingerichteten, kahl belassenen Bühne findet sich zwar ein Samowar, aber er wärmt kein Gemüt. Ein paar Stühle stehen herum, sie werden umgeworfen, weggetreten und als Geschosse benutzt. Es wird viel getrunken. Der Rotwein, der in Strömen fließt und mit dem die Figuren einander besudeln, bleibt wie Blutflecken auf ihnen kleben und imprägniert die Kleider. Eine Schaukel ist aufgehängt. Die von den Männern umworbene Elena, zweite junge Frau des alten kranken Professors Alexander, schwingt sich auf ihr hoch hinaus, als wolle sie - eine andere Effi - der Erdenschwere entfliehen und den Kontakt zu dem ihr fremden Haus und ihrem Leben verlieren.

Für seine reduzierte Genauigkeit ist Lensing, der seit den 90er Jahren Regie führt, bekannt: einfache Theatermittel, schlichte Bühnenräume, klare Sprache - exakt gelesen und ausbuchstabiert. Mehr braucht es nicht. So fein Tschechows Dramenstoffe gewirkt sind, so robust und strapazierfähig sind sie. Abgesehen von Jürgen Gosch und Dimiter Gotscheff gibt es keinen Tschechow-Regisseur, der Vernichtung und Zerstörung so unerbittlich erkundet hätte: dass das Leben sowieso stumpf, langweilig und schmuddelig ist und dass Menschen in anderen Menschen nichts als Verwüstung anrichten und einander Gewalt antun.

Von Beginn an herrscht Gereiztheit, Aggressivität und Schärfe, die zunächst von Wanja ausgeht, der seit 25 Jahren das Gut seines ehemaligen Schwagers, dem berühmten Professor, gemeinsam mit dessen Tochter Sonja aus erster Ehe verwaltet. Beide fristen dabei aufs Kärglichste ihre Tage. Josef Ostendorf, der sanfte Koloss, ist als Wanja nicht der gute Onkel, sondern ein bitterer, böser Frustrierter. Ein Untergrundkämpfer gegen die eigene Verzweiflung und Eifersucht, die noch sein Lächeln zur Grimasse verzerren.

Das Geheimherz des Stücks - und der Aufführung - schlägt in dem Arzt Astrow. Devid Striesow spielt beklemmend und betörend virtuos den totalen Ego-Shooter: hibbelig und kribbelig, kaum zu bändigen in seiner Energie, Unrast und exzentrischen Spiellust. Er qualmt nervös, kaspert, kokettiert, klampft auf der Gitarre, twistet und tigert durch den Raum. Immer auf dem Sprung. Mit einem Wasserschlauch spritzt er sich komplett ab und rast klatschnass nach draußen in den untertemperierten Abend. Er fällt aus der Rolle in Improvisationen, markiert wie in einem Chaplin-Slapstick den Betrunkenen, nimmt nichts ernst, am wenigsten sich selbst. Die ironische Haltung, mit der er sich und den anderen begegnet, lässt aber keinen Zweifel, dass der Mann untröstlich versehrt ist. Jede seiner Charaden ein Notruf. In seinem beständig singsangenden "Macht nichts. Macht nichts" fasst Astrow die Nichtigkeit der Existenz in zwei Worte zusammen.

Sonja liebt den seltsamen Ungesundheitsapostel hoffnungslos, doch der hat sich verliebt in die junge Professoren-Gattin Elena. Ursina Lardi tritt auf wie Märchenwesen im roten Kleid und mit rotem Mund, erscheint berechnend, herzlos, kalt, überfordert, sich ihre Empfindungen einzugestehen. Sie stöckelt durch ihre Jugend - und vermeidet sie. Für jede Figur hegt man Mitgefühl, sieht zu, wie traurig, einsam und kaputt sie sind, erkennt die Egoismen, Schwächen und Strategien diese zu verbergen. Die Selbstpreisgabe der Figuren und ihrer Darsteller schließt das Befremden ihnen gegenüber ebenso wenig aus wie ein Erbarmen mit dem Erbärmlichen - neben der grausamen Komik eine Qualität der mehr als dreistündigen Aufführung.

In Thomas Manns "Zauberberg" heißen zwei Kapitel "Der große Stumpfsinn" und "Die große Gereiztheit". Es wären Überschriften für Lensings / Heins "Wanja". Der zweite Akt, in dem sich nachts die Emotionen entladen, wird wie ein düsterer erotischer Sommernachtstraum ausgeführt: geil, grell und gemein. Später kämpft sich die Gruppe wie durch ein Psychodrama Ibsens oder Bergmans. Wie nach einem langen Umweg kommt die Aufführung Tschechow gefährlich nah.

Schauspiel Frankfurt, Großes Haus: 8., 9. und Mai.www.schauspielfrankfurt.de

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