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Oliver Reese „Acht glückliche Theaterjahre“

Der scheidende Schauspiel-Intendant Oliver Reese zieht bei seiner letzten Pressekonferenz in Frankfurt Resümee.

Oliver Reese
Wechselt vom Schauspiel Frankfurt zum Ensemble nach Berlin: Intendant Oliver Reese. Foto: dpa

Intendantenwechsel sind nichts für Abschiedshasser, aber da Abschiedshasser das Theater, die Kunst und die Welt nicht voranbringen, spielen sie in solchen Situationen zu Recht keine Rolle.

Dass an diesem Vormittag in der Panorama Bar des Schauspiels Frankfurt so viel von Kontinuität die Rede war, meinte auch immer nur acht Jahre. Was sind acht Jahre, hätte der Abschiedshasser gesagt. Für das Theater, die Kunst und die Welt aber ist das anscheinend ein üppiger Zeitraum.

255 Premieren hatten darin Platz, 5250 Vorstellungen mit 1 375 000 Besuchern, dazu 150 Gastspiele mit 255 Vorstellungen. 7579 Abonnenten gibt es derzeit, 2700 waren es 2008/09, in der letzten Spielzeit von Elisabeth Schweeger, und es wurde auch gestern nicht vergessen, das zu erwähnen. Keine Pressekonferenz der vergangenen Spielzeiten kam ohne Rekorde aus, mehr Einnahmen (15/16 waren es 150 Prozent mehr als 08/09), mehr Zuschauern (15/16 waren es 61 Prozent mehr als 08/09). Und der im Juni zu Ende gehenden Saison, hieß es am Donnerstag, könne höchstens der frühe Beginn der Sommerferien noch einen Strich durch die ultimative Erfolgsrechnung machen.

Auf dem Podium war es zum Teil ganz schön zappelig, während der scheidende Intendant Oliver Reese bei seiner letzten Frankfurter Pressekonferenz Bilanz zog. „Acht glückliche Theaterjahre“, sagte er und zählte noch einmal die großen Inszenierungen, liebsten Schauspieler, interessantesten Regisseure auf. Sie sind den interessierten Frankfurtern wohlbekannt. Kuratorin Clara Topic-Matutin zählte noch einmal auf, wie gut auch das Schauspiel-, das Regie- und das Autoren-Studio lief. Dramaturgin Sibylle Baschung zählte noch einmal auf, wie sich das Theater auch Richtung Stadt öffnete, mit 15 bespielten Orten außerhalb des Gebäudes (gut zu wissen, wenn demnächst die Sanierungs-, Abriss-Bauarbeiten beginnen).

Die sympathische Schauspielerin Josefin Platt war ebenfalls wie von ungefähr da und erinnerte sich noch daran, wie sie in „Warum läuft Herr R. Amok“ 2003 vor leerem Haus gespielt habe, auch dies von Michael Thalheimer inszeniert, von dem die Frankfurter seit seiner Reese-Zeit-Eröffnungsinszenierung nicht genug bekommen können.

Warum ging auf einmal alles so gut? Reese zählte noch einmal auf, was ihm wichtig sei: Jede einzelne gelungene Aufführung; mit einem festen Ensemble zu spielen; Hauptrollen nicht an Gäste zu geben (Ausnahmen, Corinna Kirchhoff als Frau Borkman, bestätigen die Regel, und dann war Kirchhoff ja auch schon fest unter Vertrag); mit einem festen Ensemble zu spielen; dieses Ensemble in Ruhe und über Jahre handverlesen zusammengestellt zu haben (ein Vorher gab es nicht, Frankfurt war Reeses erste Intendanz); mit einem festen Ensemble zu spielen; über die Jahre auch politischer geworden zu sein; mit einem festen Ensemble zu spielen.

„Wir haben nie rumgekumpelt“, sagte er, aber es habe sich doch eine „Theaterfamilie“ gebildet, „auch ohne Kantinenweinseligkeit“. Josefin Platt bekannte sich noch einmal zum Schauspielhaus. Es sei eine Kathedrale, „mir wachsen dort Flügel“.

Was bleibt? Ein finanziell gut bestelltes Haus, betonte Reese. Fünf oder sechs der jetzigen Ensemble-Mitglieder. Martina Droste und ihr Junges Schauspiel. Thalheimers spektakulärer „Ödipus“ von 2009, der vom 16. Juni an sieben Mal in einer Outdoor-Fassung an der Weseler Werft zu sehen sein wird (eine tolle Idee für Abschiedshasser). Die 500 Plätze für die Vorstellung vom 20. Juni sollen komplett verlost werden, als kleiner Dank an das Publikum (Teilnahmekarten liegen vom 1. bis 21. Mai aus). Am 24. Juni kommen alle (auch etliche ehemalige) Schauspielerinnen und Schauspieler auf einen „Song for the Road“ zusammen. Anschließend Party. „In Berlin wird man nicht schön begrüßt und nicht schön verabschiedet, das ist hier anders“, sagte Reese, künftig also Intendant des Berliner Ensembles.

Früher hieß die Panorama Bar eine Weile Glashaus. Manchmal schreibt man es versehentlich noch so hin. Intendanten kommen und bringen neue Namen mit, dann gehen sie wieder und die Namen mit ihnen. So ist das. Kommende Woche stellt Anselm Weber seinen ersten Frankfurter Spielplan vor.

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