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"Öl" von Lukas Bärfuss Der Redefluss zum Ölfluss

"Öl" von Lukas Bärfuss wird am Deutschen Theater zu einem Fest für Nina Hoss. Der Autor kann wie kein anderer lebender Dramatiker aktuelle Themen bearbeiten. Von Peter Michalzik

Das Stück: Seit drei Jahren sitzt Eva da und wartet auf ihren Mann. Adam, der hier Herbert heißt, kommt zwar immer wieder mal vorbei, aber nur um zu erzählen, dass er wieder kein Öl gefunden hat. Ansonsten haust Eva allein, nur mit ihrer Haushälterin Gomua, die erfolgreich verhindert, dass sie vor die Tür geht: zu gefährlich.

Wer "Öl" liest, denkt unweigerlich, dass das Stück in Afrika spielt. Wer sich informiert, erfährt, dass es Kasachstan sein soll, wo Eva haust und Herbert den großen Ölschatz heben will. Eigentlich spielt "Öl" natürlich überall, wo Kolonisatoren sich die Erde und Bevölkerung untertan machen. Die Engländer waren hier, erfahren wir, die Franzosen, und die Amerikaner auch. Rentiere gibt es, und Nomaden mit schamanistischen Bräuchen.

Eva verstrickt sich in endlosen Auseinandersetzungen mit Gomua, über die mangelhafte Qualität ihrer Hühnchenzubereitung und die ebenso mangelhafte Qualität ihrer Aussprache des Deutschen, und sie trinkt. Herbert, wenn er denn kommt, bringt immer seinen Bohringenieur Edgar mit, mit dem Eva eine Affäre hat, was Herbert nicht weiß, aber ahnt.

So viel zum Inhalt. Wichtiger ist, dass "Öl" ein Bastard ist. Einerseits ein Stück über die Verlorenheit in der Fremde, eine Variation über "Herz der Finsternis", mit dem am Vorabend das Deutsche Theater eröffnet worden war, ein Eintauchen in Verlorenheit und Lethargie. Andererseits ist es ein etwas allegorisierendes, die großen Bedeutungen streifendes Drama über die Gier nach dem schwarzen Gold, diesem Gleitmittel des Kapitalismus, die Sucht nach Reichtum und Urkräfte des Marktes in den Tiefen der Seelen. Nebenbei ist es auch noch ein etwas holpriges Beziehungsdrama.

Lukas Bärfuss, der Autor dieses Stücks, kann wie kein anderer lebender Dramatiker aktuelle Themen bearbeiten. Sterbehilfe, Vaterschaft und Religion hat er in starken Stücken behandelt. "Öl" dagegen wirkt, als sei durch Sehnsucht nach Bedeutung der Stoff überformt. Der Dialog, der offen bleiben soll, überhebt sich und ist merkwürdig starr, so als habe die Sprache einen Stock verschluckt, und stolziere jetzt steif und bedeutungsschwer durch den Raum.

Viertens ist "Öl" auch noch ein Erlösungs- oder Erkenntnisdrama. Herberts Fahrer verbrennt, die angebliche oder wirkliche Täterin wird aufgehängt und eine wirkliche oder erträumte Person, Elsa, vielleicht auch eine Widergängerin der aufgehängten Toten, kommt zu Eva. Zwischen Alkohol und Halluzination führt sie Eva zu sich selbst und damit zum Erkenntnis ihrer Situation: "Für ein paar Fässer Öl haben sie mich unter sich aufgeteilt." Eva erkennt, was sie ist: "Eine dreckige kleine Ölhure." Eva erschießt Edgar, was daraus folgt, bleibt offen, die Finsternis von Kapitalismus und Mensch ist in jedem Fall deutlich.

Die Frage, die das Stück an jeden Regisseur stellt, ist: Wer ist Elsa, auf welchen Ebenen finden die Begegnungen der Erkenntnis statt, Traum, Wirklichkeit, Alptraum oder alles zusammen?

Die Aufführung: Der Regisseur Stephan Kimmig interessiert sich für diese Frage überhaupt nicht. Es ist von vornherein klar, dass Elsa, die hier nur noch "Mädchen" heißt, ein Gespenst ist. Dieses Gespenst tritt in der Gestalt von Susanne Wolff auf, die aber mit Anzug und Perücke als Knabe erscheint und - warum? - in düsterem Licht alte chinesische Kriegsweisheiten erzählt.

Eva lebt in einer Art Bunker, jedenfalls hinter massiven Wänden, die die Bühnenbildnerin Katja Haß um sie herumgebaut hat. In diesem Mauerwerk nun findet, jetzt wird´s interessant, eine waschechte Komödie statt. Kimmig interessieren nicht Sinn und tiefere Bedeutung, sondern nur Scherz und Theater. Das Ding, scheint die klare Maxime, muss auf der Bühne wuppen.

Dazu baut er die beiden Männer zu zwei Knalleffekten mit so dicken Eiern und Testosteronüberschuss um, dass sogar Stanley Kowalski in ihnen eine Parodie sehen würde. Da wird gemachot, was das Zeug hält (Felix Goeser als Herbert) und die Grimasse hergibt (Ingo Hülsmann als Edgar). Schlüssig ist das nicht, keinen Moment ist zum Beispiel zu sehen und schon gar nicht zu glauben, dass Eva etwas mit diesem Edgar hat. Aber es funktioniert, und zwar schlagend.

Man weiß nicht, warum Susanne Wolff irgendwann den Anzug auszieht und als Frau erkennbar wird. Aber auch sie funktioniert als fremdes, staksendes, verkantetes Wesen mit überlegenem Willen. Kimmigs Aufführung hat mit dem Stück von Lukas Bärfuss nicht viel zu tun hat, sie ist in sich nicht stimmig, mehr: sie ist ein großer Blödsinn. Und trotzdem ist es ein großartiger Abend.

Nina Hoss: Das liegt an Margit Bendokat und, vor allen, an Nina Hoss. Die beiden sind eine weibliche Reinkarnation des alten Herr-und-Knecht-Paares. Bendokat als Gomua in Kittel und Schürze wird von Eva grundsätzlich für doof verkauft. Aber sie weiß zu genau, was ihre Situation ist und was Eva denkt. Sie ist immer starr und beherrscht - wie Bärfuss´ Sprache - und wird doch eine echte Komödienfigur. Sie muss für Eva die hundert häufigsten deutschen Worte auswendig lernen und tut das mit der unerschütterlichen Ruhe des Menschen, der selbst beim größten Schwachsinn genau weiß, warum er tut, was er tut. Die Frau ist da, wo sie steht.

Um diesen Fels herum schwirrt Nina Hoss, die wahrscheinlich noch nie besser zu sehen war als in der Rolle dieser Salondame, die sich in einen Bunker verirrt hat. Man glaubt keinen Moment, dass Eva schon drei Jahre in diesem Gemäuer hockt, aber man glaubt ihr ohne weiteres die Erregungsschleifen, die aus Langeweile, Verworfenheit und (grundlosem) Überlegenheitsgefühl kommen. Hoss kitzelt die Komödie aus den spröden Sätzen, sie steigert und steigert ihre anmaßenden Wortketten, dass sogar Thomas Bernhard am Ende seine Freude gehabt hätte. Dieses kultivierte Flittchen spricht und bricht sich an Gomua in einen Gattinnenfuror hinein, der allein eine Theaterreise wert ist.

Und da stecken in dieser Schauspielerfarce dann doch die Triebkräfte des Kapitals, die Innenwelt der Warenwelt, der Redefluss zum Ölfluss. Eine Tiefbohrung ist das nicht, aber ein sprudelnder Quell des Vergnügens.

Deutsches Theater Berlin: 24., 30. September, 7., 10., 15., 25. Oktober. www.deutschestheater.de

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