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norton.commander im Mousonturm Die Hauff-Horror-Show

Schon einige Male haben Harriet Maria und Peter Meining alias norton.commander.productions Märchen auf ihren Aktualitätsbezug hin untersucht. Nun inszenieren sie "Das kalte Herz" als Märchen zum Turbokapitalismus. Von Sylvia Staude

Schon einige Male haben Harriet Maria und Peter Meining alias norton.commander.productions Märchen auf ihren Aktualitätsbezug hin untersucht. Und schon bei "Hans im Glück", lang vor der Bankenkrise, ging es um unser famoses Wirtschaftssystem und die Tricks der Abstauber. Hans wird zwar reingelegt, so die Botschaft des Grimm-Märchens, aber eigentlich ist das zu seinem Besten: "Mit leichtem Herzen und frei von aller Last ging er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter angekommen war."

Mit "Das kalte Herz" nach Wilhelm Hauff drehen norton.commander die Temperatur nun runter. Und die Lautstärke hoch. Der Frankfurter Mousonturm, der jetzt - kurz nach der Uraufführung in Dresden - Tourstation war, musste die für 21 Uhr angesetzte Vorstellung in der Studiobühne auf kurz vor 22 Uhr verschieben. Denn auf der Bühne drunter wummerte das "kalte Herz" fast wie die in der Festhalle gastierende Gruppe Rammstein.

Blixa Bargeld, Sänger der Einstürzenden Neubauten, schrieb für den Abend eine "Itinerarium Bargeldi"-Rocklitanei, eine in den Raum gepeitschte und gitarrengestützte Aufzählung aus Flugstrecke, Land, Stadt, Hotel, Restaurant, Menüfolge. Und zuletzt wird dem kalten Herzen nochmal richtig Feuer unter der Aorta gemacht: "Ich will ... brennen sehen" lautet der Rahmen, in den die ganze Welt und das All und das Herz sowieso passen.

Der Sänger heißt in beiden Fällen Christian Wittmann. Er ist Peter Munk, genannt Kohlenmunk-Peter, weil er als Köhler im Wald lebt - ein Video zeigt einen ominös rauchenden Kohlehaufen. Das Glasmännlein gewährt Peter drei Wünsche, damit fängt das Unglück an. Denn der kann nicht umgehen mit seinem plötzlichen Reichtum, er schlägt schließlich seine Frau (Juliane Werner) tot, nur weil sie einem Bettler Wein und Brot gegeben hat. Aus einem unbescholtenen Handwerker ist ein Kapitalist mit Glashütte geworden, der den lebendigen Muskel in seiner Brust durch einen Stein hat ersetzen lassen, damit er kein Mitleid mehr spüren muss. Willkommen in der Gier-Gesellschaft.

Harriet Maria und Peter Meining mögen gern auf Märchen zurückgreifen, ihre Inszenierungen sind mit allen Wassern der Postmoderne gewaschen. Es wirkt kein bisschen verkrampft, wenn im einen Augenblick ein reizender strohblonder Junge (Noel Lode), per Video, aus dem Märchen vorliest, im anderen ein bewampter Akteur, Jörn Burmester, neun Schaumküsse mampft und mit sechs Fläschchen Bier nachspült. Und im dritten ein Mitwirkender nach dem anderen (auch die Musiker Nikolaus Woernle, Jochen Arbeit, Mark Boombastik) ans Mikro tritt und zum Beispiel aufsagt: "Deine Gnad´ und Jesu Blut, machen allen Schaden gut".

"Das kalte Herz" von norton-commander ist eine anderthalb-stündige Hauff-Horror-Show, eine Märchenexegese in Zeiten des Turbokapitalismus, ein wuchtiges Konzert mit Spielszenen. Die Beschwörung einer lichterloh brennenden Welt ist allerdings noch nicht ganz das Ende: Zuletzt sieht man die sicher liebenden und sicher wohlhabenden Eltern des süßen blonden Vorlesers, durchaus frohgemut ziehen sie per Fahrrad und Sportwagen in die Welt.

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