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Needcompany Mousonturm Und sicherheitshalber lächeln

Das neue Needcompany-Stück „The Blind Poet“ erzählt davon, woher seine sieben Performer kommen.

Maarten Seghers als Pferdeflüsterer. Foto: Els De Nil

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Zu einem Zeitpunkt vor der Uraufführung – sie war im Mai in Brüssel – muss der Programmtext zu „The Blind Poet“ entstanden sein, jüngstes Stück der belgischen Needcompany. Es sei dem syrischen Dichter Abu l-Ala al-Ma’arri (973-1057) gewidmet, steht da nämlich, Informationen zu Córdoba in jener Zeit folgen. Eigentlich aber erzählt „The Blind Poet“ fast ausschließlich von den sieben Akteuren des Stückes, von ihren Vorfahren – man darf sich fragen, was davon einfach gut erfunden sein mag, es spielt aber keine Rolle –, ihrem Ankommen in der Fremde, ihrer Ablehnung durch Einheimische. Vieles ist lustig. Vieles ist berührend.

Die Needcompany um den Regisseur Jan Lauwers ist seit ihrem Start mit „Need to Know“ im Jahr 1987 eine verschworene, sich gleichsam auch als Familie begreifende Gemeinschaft. Lauwers, inzwischen komplett grauhaarig, packt auch bei den Aufführungen mit an; diesmal spielt er Gitarre, legt Requisiten bereit am Bühnenrand (Glöckchen!), springt auch mal kurz auf die Bühne zu wildem Tanz.

Die Gruppe pflegte den Stilmix, das Multimediale und die Internationalität schon, ehe dies schwer in Mode kam. Mitgründerin Grace Ellen Barkey bringt seit je den Tanz als Beredtheit des Körpers und schönen Mehrwert in die Inszenierungen. Die Performer tragen ihre Rollen nur als mal mehr, mal weniger durchscheinendes Mäntelchen, jedes Spiel ist auch immer ein Erzählen von sich selbst.

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So ist es in hohem Maße in „The Blind Poet“, ein mit Pause gut zweieinhalbstündiger, kurzweiliger Abend, der den Untertitel „7 Portraits“ trägt. Die glorreichen, irgendwie alles könnenden Sieben dieser Aufführung sind Grace Ellen Barkey, Jules Backman, Anna Sophia Bonnema, Hans Petter Melø Dahl, Benoît Gob, Maarten Seghers und Mohamed Toukabri. Dazu aus dem im Frankfurter Mousonturm (das Haus ist Koproduzent von „The Blind Poet“) nicht vorhandenen Orchestergraben Lauwers und die Musikerin Elke Janssens.

Das erste „Porträt“ gilt, als prima inter pares, der im indonesischen Surabaya geborenen Barkey. Ich bin Grace, stellt sie sich schlicht vor. Aber mit der Schlichtheit ist es gleich vorbei. Sie flüstert, haucht, singt, zirpt ihren Namen, röhrt, krächzt, posaunt, wimmert, donnert, rappt ihn, begleitet ihre Namens-Symphonie (Grace! Ellen! Bar-key!) mit den zierlichen Bewegungen einer Tempeltänzerin – oder stolpert über ihre riesigen Clownsschuhe. Denn so ist sie gekleidet, als Zwitter aus Tänzerin und Clown (Kostüme: Lot Lemm).

Dahl stellt sich als furchtloser Wikinger vor, aus seinem Anzug dampft es vor Kraft und Saft. Bonnema, resolut und mit bodenständigen Vorfahren aus Ostfriesland, holt ihn auf den Boden und zu seiner Angst zurück. Auch Gob gibt zuerst den ganzen Kerl, hat dann eine Geschichte zu erzählen – beziehungsweise anzudeuten – von einer kranken, schwermütigen Mutter und einem Alkoholiker-Vater („mein Vater trank mehr als alle Wikinger und Kreuzzügler zusammen“). Beckman ist ein cooler Gitarren-Cowboy. Toukabri preist, oh ja!, sein schönes Lächeln und seinen schönen Körper an.

Ein totes Pferd liegt auf einer Art Riesenwippe (Riesenkatapult?), eine schwarze Monsterkrake wird aufgeblasen und gleich wieder deflationiert. Rätselhafte Dinge passieren, noch viel mehr rätselhafte, alltägliche, schreckliche Dinge werden berichtet. Von Kreuzzüglern, Kannibalen, Waffenschmieden. Von einem Vater (Toukabri), der die allerschicksten Anzüge schneidert. Von einer Mutter (Gob), die sich möglicherweise prostituierte. Und alle Lebensfäden aller dieser Familien kreuzten sich, manchmal weit in der Vergangenheit. Und alle finden nun auf einer kleinen Bühne zusammen. So dass „The Blind Poet“ zwar auch von Intoleranz zu berichten hat, aber zuletzt ein wundersam hoffnungsvolles Stück ist.

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