Lade Inhalte...

Naxoshalle Karges Elend, trügerische Euphorie

Das Theater Willy Praml inszeniert zur Frankfurter Goethe-Woche eine „Walpurgisnacht“ als „deutsche Höllenfahrt“.

Alle zusammen und durcheinander, aber wohin? Willy Pramls bilder- und fantasiereiche Walpurgisnacht in der Naxoshalle Frankfurt. Foto: Seweryn Zelazny Foto: Seweryn Zelazny (Extern)

Elend heißt ein kleiner Ort im Harz. Wenn Ende April am Brocken die Walpurgisnacht gefeiert wird, ist dieses entlegene Gebiet plötzlich ein Touristenmagnet. Hierin hat Willy Praml seine fantasiereich ausgetüftelte „Walpurgisnacht“ projiziert, die jetzt im Rahmen der Frankfurter Goethe-Festwoche in der Naxoshalle Premiere feierte. An diesem Ort vermischen Zeit und Geister. Wie in einem – bösen – Traum kommt hier zusammen, was nicht zusammen gehört.

Wie ein Theater-DJ hat Michael Weber, der für die Textfassung verantwortlich ist, Passagen aus Werken von Goethe, Friedrich Nietzsche, Alexander Kluge und Heiner Müller kombiniert, um daraus ein eigenes, ausuferndes, neues Praml-Projekt zu gestalten. In einer mündlichen Einführung zu Beginn warnt Regisseur Willy Praml die Zuschauer: Die Gesetze der historischen Schwerkraft sind ausgesetzt, alles geht wild durcheinander, und man darf sich ruhig fragen, wer eigentlich wer ist.

Ganz am Anfang sind bereits einige Requisiten des Volkes sichtbar. Ein Reisigbesen und mehrere Holzklöppel, die sich zum Schlagen und Verjagen eignen, stehen am Bühnenrand. Das Scharren eines Besens erklingt aus dem Off. Es wird bleiben (und später von der wundervollen Musik Jakob Rullhusens sowie den Schlagwerkern Gabor Kovacs und Josef Schweng übertönt), auch wenn kein Fegender zu sehen ist.

Die „deutsche Höllenfahrt“ wie das Stück im Untertitel heißt, beginnt lässig. Männer sitzen an langen Biertischen, ihre Köpfe scheinen schwer nach durchzechter Nacht. Ein Teil trägt schwarze Helme (Kostüme: Paula Kern). Militärisch düster wirkt diese Gruppe, doch eigentlich steckt unter den Helmen ein Männerchor, der mit sanfter Melancholie das Volkslied „In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad“ anstimmen wird. Nur ein junger Mann mit Hakenkreuzbinde sitzt auf der rechten Seite allein.

Unvermittelt spricht dieser Berufsoffizier (Baha Al-Shaar), der sich in einen Mann verliebte, über sein eigenes Elend. „Seit ich ihn verloren hab, schafft ich auch das Weinen ab“, heißt es in dem von Michael Weber verfassten Prolog. Die Ruhe, das wird am kargen Biertisch in Elend immer deutlicher, ist trügerisch. Es dauert nicht lange, da beginnt eine Verfolgungsjagd auf die Vorbeigewanderten, Mephistopheles (Max Rohland) und Faust (Michael Weber). Beide sind als Touristen unterwegs, um die Walpurgisnacht zu erleben. Die werden sie bald auch feiern, derb und ausufernd, sinnlich und orgiastisch – wie Praml solche Ekstasen, in denen Mensch die Sau raus lässt, auszuspielen liebt.

Doch bevor die Walpurgisnacht ihren Höhepunkt erlebt, springt die Szene um und erinnert an ein anderes Ereignis, für das dieses Datum im April ebenfalls steht: den Selbstmord Hitlers. Die Nachricht dieser Tat hatte Schockwirkung auf all die, die ihm hörig waren. Ein Papierhändler, Reserveoffizier und Träger des Eisernen Kreuzes, entscheidet sich, es Hitler nebst Frau und Tochter gleich zu tun. Die Ambivalenz dieser Tat wird in Pramls Inszenierung in subtilen Bildern und wenigen Sätzen ausdrucksstark nachvollziehbar. Frau (Birgit Heuser) und Tochter (Lisa Zanaboni) gehen in leuchtend roten Mänteln gehorsam auf dem Weg in den Wald voran. Ein jeder hofft, der andere möge das Vorhaben stoppen.

Auch Hitlers Selbstmord wird in dieser deutschen Höllenfahrt nicht ausgespart. Historische Tondokumente werden aus dem Off eingespielt, auf der Bühne (gegeben in dieser Szene von Andreas Jahncke) erscheint er nachdenklich, ohne herrischen Gestus und populistische Rhetorik. „Ich habe Europa zu meinem Scheiterhaufen erwählt. Seine Flamme wird mich von meinen staatsmännischen Pflichten entbinden. Ich sterbe als Privatmann.“ Diese auch im Programmheft zitierten Sätze klingen wie eine düstere Zukunftsvision. Die Euphorie der Befreiung, die folgt, wirkt vor diesem Hintergrund so trügerisch wie anfangs die Ruhe in Elend.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen