Lade Inhalte...

Nationaltheater Mannheim Was im Menschen steckt

Regisseur Lorenzo Fioroni und Dirigent Jörg Halubek bieten eine aufgeweckte „Krönung der Poppea“.

?Die Krönung der Poppea? am Nationaltheater Mannheim: Die Damen Tugend und Glück werden sich gleich an den Bärten ziehen. Foto: Christian Kleiner / Nationaltheater Mannheim

Claudio Monteverdis „Krönung der Poppea“ bezaubert am Nationaltheater Mannheim mit düsterer Pracht und heiterem Pessimismus. Die Kurzweil dauert mit Pause gerechnet dreidreiviertel Stunden, und nicht einmal das Ende, das kein Ende finden will, ist zu lang, und da singen sie noch einen fidelen Chor aus einem völlig anderen Zusammenhang, und lustig schlenkernd tanzen will man dazu, wie es die Choristen auch gleich tun, und dann ist es immer noch nicht vorbei, weil Nero und Poppea jetzt noch ausprobieren müssen, wie es ist, verheiratet zu sein (geht so, na ja), und dann muss Ottavia sich noch von Rom verabschieden. Von Rom verabschiedet eine Römerin sich nicht in Minutenschnelle. Der Lautenspieler sitzt schon bereit.

So hat es auch angefangen. Das Orchesterpodest ist leer, auf der Bühne allein der Lautenspieler und Ottavia, die sehr, sehr unglücklich ist. Die anderen Musiker schleichen sich aber unterdessen zu ihren Plätzen und müssen schauen, dass sie nirgendwo anstoßen. Auch ist die Bühne ein Hingucker, so dass man insgesamt vom menschlichen Leid etwas abgelenkt wird, eine Ungezogenheit, die in der Oper häufiger vorkommt. Paul Zoller hat hier eine große Wasserfläche einrichten lassen, in der allerlei dümpelt. Vor allem werden alsbald Gondeln vorbeifahren, also hereingeschleppt werden, und auch eine künstliche Insel aus Holz, auf der Nero residiert. Man soll an Venedig denken und denkt an Venedig, die Stadt, in der Monteverdi Karriere machte und starb. Die Sonne der Aufklärung, könnte man sagen, ist eine riesige Lampeninstallation, mit der Nero durchs Birnchendrehen beharrlich mehr Dunkelheit, Seneca aber ebenso beharrlich mehr Licht herstellt. Regisseur Lorenzo Fioroni verschlingt mehrfach die Zeit der Handlung und die Zeit der Entstehung, wenn etwa Neros blutiges Regieren sich hier vor allem in einem Gegrabbel in unfachmännisch sezierten Körpern niederschlägt. Das blutige Spiel und die von transzendentalen Fragen unabhängige Neugier ist farblich perfekt auf die floralen roten Vorhänge an den Seiten abgestimmt. Was Dekor ist, was Menschenblut, man kann es nicht immer unterscheiden. Die Werkstätten haben sich alle Mühe gegeben, dass es dem Publikum im leisen aufgeregten Gekicher auch Schauer über den Rücken jagt.

In dieser aufregenden und abwechslungsreichen Umgebung, wird zwar naturgemäß etwas viel geplantscht und geschlittert (und nicht immer mit Absicht). Fioroni inszeniert aber auch aktiv und mit leichter Hand und doch spannend. Er greift ein, aber mit Sinn und Verstand, selbst da, wo man ihm nicht unbedingt folgen will. Ist es eine gute Idee, Senecas Tod als Theater im Theater zu zeigen, eine Art Posse, die zur allgemeinen Verblüffung (Neros natürlich nicht) tödlich endet? Die Musik macht jedenfalls mit.

Auch am Ende kann sich Zweifel regen, wenn die Liebe zwischen Nero und Poppea schon auf offener Bühne zu lahmen beginnt. Einerseits ist das logisch, andererseits gehört es zu den frappierenden Seiten dieses sich moralisch heraushaltenden Werks, dass die Liebe eines Mörders und Tyrannen trotzdem lupenrein glücklich sein kann.

Die Figuren hat Sabine Blickenstorfer in postapokalyptische Fetzen und einfache Nacktkostüme gesteckt und mit bombastischem Rastahaar ausstattet, auch gibt es viele Details und Spiele mit der Geschlechterzugehörigkeit. Aber zu sehen sind trotzdem Menschen, keine Karikaturen. Magnus Stavelands Nerone ist ein nicht unangenehmer Gewalttäter und ein sogar sehr angenehmer Tenor (kein Sopran wie gewohnt), seine Poppea, Nikola Hillebrand, eine muntere Grazie und fein modulierende Sopranistin. Das große Solistenensemble spielt und singt beachtlich – mit weiteren gewitzten Besetzungsentscheidungen, wenn etwa der Tenor Uwe Eikötter vergnüglich die Arnalte übernimmt, eine Rockrolle für männlichen Alt.

Ein musikalisches Wunderwerk schickt dazu das kleine Gastorchester il Gusto Barocco unter der Leitung von Jörg Halubek in den Saal. Hier ist alles auf aparten Farbenreichtum und delikate Kontraste eingerichtet. Die unterhaltsame Schmalstbesetzung zum Beispiel (dabei lediglich zwei Violinen, aber bis zu drei Lauten, Gitarre, Harfe, Blockflöte, Orgel) bietet doch vier Posaunen und zwei Zinken für pompöse Momente. Ausgeklügelt auch das (nicht wirklich zwingende, historisch aber gut zu rechtfertigende) Einbeziehen weiterer Musiken aus dem zeitlichen Umfeld. Der „Alphabet Chor“ ist der Bürgerchor des Nationaltheaters, genial, hier mit natürlichen, unausgebildeten, dafür ganz vielen Stimmen zu arbeiten.

Fioronis und Halubeks Lesart vermittelt einen lukullischen und gescheiten Eindruck davon, was für ein Experimentierraum die frühe Oper war. Und was für ein Spaß. Und warum Aufführungen so lange dauerten und man sich trotzdem nicht langweilte. Natürlich gab es auch in Mannheim Zuschauer, die kapitulierten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum