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Nationaltheater Mannheim Das kommt ihm alles schon so bekannt vor

Theresia Walser schreibt der Schauspielintendanz von Burkhard C. Kosminski einen Schlussakkord.

Szene aus "Nach der Ruhe vor dem Sturm"
Frauen unter sich: anstrengend. Ragna Pitoll als Irm König, Anke Schubert als Liz Hansen. Foto: Hans Jörg Michel

Den doch mit einiger Verbissenheit geführten Schulenstreitereien am Theater wusste sich der Mannheimer Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski in seinen elf Jahren am Haus cool und beiläufig zu entziehen. Er schien sich wenig darum zu kümmern. Ein erzählendes Theater interessiert ihn zweifellos, aber bei Autoren und Autorinnen wie Noah Haidle, Simon Stevens, Roland Schimmelpfennig, Felicia Zeller oder Theresia Walser konnte man sich eigentlich darauf verlassen, überrascht zu werden. Nein, nicht immer positiv, natürlich nicht. Aber fast immer mit einer aufmerksamen Haltung dem Text, der Szene und den Darstellern gegenüber. Kosminskis Mannheimer Schauspiel ist ein antischlampiges Theater gewesen, manchmal zu ausgeklügelt, praktisch nie wurschtig hingehauen.

Dazu, zu allem davon passte jetzt die Abschlusspremiere: Theresia Walser, dem Nationaltheater in diesen Jahren eng verbunden, zwischenzeitlich als Hausautorin, legte hierfür einen zweiten Teil ihres Stückchens vor, das Kosminski 2006 zum Auftakt zeigte. Kleines Stück, große Klammer. Es ist Zeit seither vergangen, aber so viel auch wieder nicht.

„Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ heißt der erste Teil. Zwei Jahre zuvor hatte Bruno Ganz Hitler gespielt, unschwer ist er jetzt in einem der beiden Hitler-Darsteller zu erkennen (einem Schweizer noch dazu), die Walser in eine vorhöllenhafte Situation vor einem gemeinsamen Auftritt schickt. Der andere könnte an Tobias Moretti erinnern, der 2005 einen hochgelobten, sehr anders gestalteten Film-Hitler zeigte. Nicht nur Schauspielereitelkeiten werden hier fidel ausgetragen, auch jene heute schon fast etwas nostalgisch wirkenden Konflikte zwischen dem Ein-anderer-Sein und Einen-anderen-Spielen, eine Art Transsubstantiationslehre des Schauspielerlebens.

„Nach der Ruhe vor dem Sturm“ (guter Titel!) heißt der zweite, jetzt uraufgeführte Teil. Vor wenigen Monaten hat Heide Keller, die berühmte Hostess Beatrice, die man auch kennt, wenn man die Sendung echt nie schaut, das „Traumschiff“ für immer verlassen. An sie darf man denken, wenn eine Fernsehdarstellerin jetzt ihr Leben nach dem „Glücksschiff“ plant. In ihrer Begleitung eine Kollegin, die ebenfalls überlegen muss, wie es für sie weitergeht. Die Penthesilea könnte sie im Prinzip immer noch spielen. „Nach der Ruhe vor dem Sturm“ greift nicht nur das Thema des vermuteten, unterstellten künstlerischen Ruins durch eine Fernsehserienrolle lustig, aber irgendwie auch wie üblich auf. Es geht ebenso um die Schwierigkeiten, als älter werdende Schauspielerin interessante Rollen zu bekommen. Damit waren die Männer vorhin gar nicht befasst, ein unausgesprochener, aber durchaus krasser Kontrast.

Beide Stücke verbindet ein grandios unwichtiger junger Bubi, der jeweils Schwierigkeiten hat, zum Zug zu kommen mit seinen Erfahrungen, die er als Schauspieler doch immerhin auch schon gemacht hat. Als einer von sieben Hamlets zum Beispiel. Wenn ältere Berufsteilnehmer den Eindruck haben, jüngere würden ihre Erfahrungen nicht abrufen, sich auch gar nicht um sie scheren, so können sie sich hier anschauen, dass es umgekehrt nicht besser ist.

Kosminski führt selbst Regie im kargen Bühnenraum von Florian Etti, ein paar Stühle, ein schepper, späterhin schrottreifer Tisch. Die Herren lässt er etwas weniger aufdrehen als die noch dazu von Ute Lindenberg divenhaft eingekleideten Frauen. Die Mitwirkenden, auch dies nach gegenwärtiger Mannheimer Art, sind Fischlein im Wasser der Worte und der herrlich anstrengenden Gruppendynamik. Ralf Dittrich, der den netten Witz in den Mund gelegt bekommt, dass ihm das alles so bekannt vorkommt, ist der Großschauspieler Franz Prächtel (ein handverlesener Nachname), Thorsten Danner sein defensiveres Pendant Peter Söst. Auch diesem mangelt es aber nicht am stets leicht zu verunsichernden Schauspielerstolz. Ragna Pitoll ist die Serienlangzeitdarstellerin Irm König, die mit ihrer Kollegin Liz Hansen, Anke Schubert, in ein fast schon keifiges Konkurrieren und Sticheln gerät. Dass Frauen subtiler als Männer ihre Konflikte austragen: Theresia Walser weiß, dass auch das nur die Hälfte der Wahrheit ist. Sven Prietz als junger Ulli Lerch hat eine dankbare Rolle, weil er immer reagieren und lange den maulenden Missachteten spielen darf. Dazu bekam er feine Ausbrüche geschrieben.

Auch das Publikum kann sich ertappt fühlen und erleben, wie Schauspieler die Dinge, die sie dort oben tun, gar nicht so anders einschätzen als die da unten. „Der Schlussakkord“, so der Untertitel, ist heiter, gescheit, erzählt uneitel von Eitelkeiten. Man sieht noch einmal Kosminskis Mannheim.

Wie geht es weiter? Das weiß man nie. Aber Kosminski wird Schauspielchef in Stuttgart – wo in allen drei Sparten Leitungswechsel bevorstehen – als Nachfolger des scheidenden Armin Petras. In Mannheim fängt Christian Holtzhauer an, zuletzt Leiter des Kunstfestes Weimar.

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