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Nationaltheater Mannheim Bloß weg mit dem „echten Mann“

Baby will lieber eine Puppe, Dolly auch, und dazu trippelt die „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ vorüber: Anne Leppers neues Stück „Mädchen in Not“, schillernd uraufgeführt am Nationaltheater Mannheim.

Jack macht sich an Baby ran: Anne-Marie Lux (r.) und Julius Forster in "Mädchen in Not" von Anne Lepper, uraufgeführt am Nationaltheater Mannheim. Foto: Christian Kleiner

Emanzipatorische Sehnsüchte aller Art finden seit jeher einen Raum im Märchen, aber so vehement wie Anne Lepper es in ihrem neuen Stück „Mädchen in Not“ gestaltet, geschieht das nicht immer. Richtig selten eigentlich. Am Nationaltheater Mannheim findet Dominic Friedel, erfahrener Lepper-Regisseur, schillernde Bilder für eine schillernde Situation.

Baby nämlich ist die Männer leid, die ihr weh tun, sie vergewaltigen und auch nerven. In Umkehrung des romantischen Märchenmotivs soll stattdessen eine Puppe her. Bei einem Puppenhändler namens Duran-Duran (?!) sieht sie sich um, es ist aber ihr Ex, der die Rolle der Puppe einnimmt. Ihr brutaler Seitensprung hat ihm den Tipp gegeben, gerne will er selbst dann die zweite Puppe sein. Denn Baby will bald mehr, will sowieso alles. Babys Freundin Dolly hingegen hat nichts, ist zu hässlich, zu dick, könnte sich eine Puppe auch finanziell gar nicht leisten.

Eine „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ mischt sich ein. Ihr logischerweise schlechter Ruf ist es, der Baby und Dolly eingangs Angst macht und dazu beiträgt, den Wunsch nach Freiheit vom „echten Mann“ zu wecken. Dem Publikum zeigt sich hingegen ein quasselnder (in Mannheim grandios geführter) kompakter Chor, der sich auch nicht wirklich auskennt. Offenbar handelt es sich um uns, das herumtappende, aggressive, nicht sehr erleuchtete Kollektiv.

Die Schlussphase bestätigt das. Enorme Aggression wendet sich jetzt gegen die Puppen, mit vertrauten Parolen: Von „Die Puppen sind unser Unglück“ bis „So weit ist es in Europa also schon gekommen, dass man eine Gefahr nicht mehr Gefahr nennen darf, wenn sie eben von Puppen ausgeht.“ Leppers Text fängt da arg an zu klappern. So plausibel es ist, häusliche und gesellschaftliche Gewalt (wenn man es in einem so verrückten Setting so nennen darf) in Zusammenhang zu bringen, so überstrapaziert wird nun die Rolle der Puppen. Fiedler treibt die Verwirrung – aber eben nun doch auch: die Beliebigkeit – weiter, indem er „Mädchen in Not“ insgesamt in einer Puppenwelt ansiedelt und die Puppen zunächst wie Menschen auftreten lässt (schlau, weil beim Puppenkauf das gesamte Publikum die Auslage ist).

Effektvolle Bilder (Ausstattung: Peter Schickart) ergeben sich daraus, nicht zuletzt durch den Einsatz von Licht und Theaternebel, der die Chorauftritte begleitet – teils als trippelnde, trappelnde Zylinderträger, teils als Geisterlein in Ganzkörperanzügen auf leisen Sohlen. Anne-Marie Lux und Sabine Fürst als Baby und Dolly tragen Riesenpappköpfe auf ihren Körperchen, ebenso nach Bedarf Julius Forster und Hannah Müller als echte Männer und Duran-Duran. Michael Fuchs steht als Mutter rum und redet mit („was werden die Leute sagen“). Eine Freude, wie Fuchs nicht ins Parodieren gerät, sondern minimalistisch Komik produziert. Nur Müller als Duran-Duran wird spät ein wenig ertragreiches Sich-Ereifern abverlangt – Leppers Worte sprechen ja glasklar für sich –, ansonsten ist der Ton scharf, aber gedämpft.

Alles darf ambivalent bleiben, die böse misshandelte Baby bedient nicht nur Frauchen-Stereotype, sie ist auch eitel, besitzergreifend. Es geht hier nicht ums Freundlich-, sondern definitiv ums Gemeinsein.

Nationaltheater Mannheim, Studio: 8., 14. Juni. www.nationaltheater-mannheim.de

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