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Nachruf Michael Bogdanov Shakespeare für unsere Zeit

Zum Tod des einflussreichen und höchst agilen britischen Theaterregisseurs Michael Bogdanov, der mit 78 Jahren gestorben ist.

Michael  Bogdanov
Der britische Theaterregisseur Michael Bogdanov, hier 2013 in Hamburg, ist im Alter von 78 Jahren gestorben. Foto: Angelika Warmuth (dpa)

Die Skandale und Triumphe, die der Theaterregisseur Michael Bogdanov gleichermaßen feierte – denn auch ein Skandal muss in der Kunst kein Problem darstellen –, scheinen einerseits deutlich ins vergangene Jahrhundert zu gehören. Andererseits erregt es bei Teilen des Theaterpublikums immer noch immenses Aufsehen, wenn Romeo und Julia als Rocker auf Motorrädern über die Bühne donnern.

Als Bogdanov Shakespeares Drama 1986 in Stratford-upon-Avon dergestalt einrichtete – zurichtete, sagten die Kritiker –, gingen die Wogen der Entrüstung und Begeisterung aber höher, als wir es uns heute vorstellen können. „Wir befinden uns endlich mitten in einer Shakespeare-Revolution“, lautete die Formel, auf die ein britischer Kritiker seinerzeit Bogdanovs Einfluss brachte. Er war ja nicht nur das Original, er wollte mit seinen vehementen Modernisierungen auch weit mehr als frech und dekorativ sein: Es ging um Politik, Aktualität, Experiment, den Abschied von einer „Altehrwürdigkeit“, die im Falle des englischen Dichters ohnehin immer schon sinnlos, zumindest fragwürdig war. So verstand es das interessierte Publikum auch bald. Seine Shakespeare-Inszenierungen – darunter ein „Rosenkriegs“-Zyklus, für den Bogdanov 1990 den Laurence Olivier Award bekam – machten ihn zum Aushängeschild englischer Theaterkunst weltweit.

Dass Beschreibungen seines „Faust“ (I und II), ebenfalls in Stratford, inzwischen Mitte der Neunziger, bereits ein wenig schal klingen – Auerbachs Kneipe, Sado-Maso-Freunds Walpurgisnacht, Himmels Transvestiten-Club –, hängt eher mit fortgeschrittenen Sehgewohnheiten (einer gewissen Abgebrühtheit also) zusammen. Nicht nur die Briten waren damals beeindruckt, auch ein deutscher Kritiker sah „ein Endspiel. Einen Totentanz. So amüsant, wie kaum einer zuvor“.

Als Nachfolger Peter Zadeks

Eine der überraschend raren englischen Komplett-„Faust“-Inszenierungen hatte man zudem einem Mann anvertraut, der sich in Deutschland bestens auskannte. Bogdanov, 1938 als Sohn einer Waliserin und eines aus Kiew stammenden russischen Sprachwissenschaftlers in London geboren, arbeitete seit Mitte der Achtziger auch in Hamburg (Heimat zudem seiner zweiten Frau, die er 2000 heiratete). Peter Zadek hatte ihn für Inszenierungen am Deutschen Schauspielhaus gewonnen, dessen Intendant er zur Spielzeit 1998/90 in Zadeks Nachfolge wurde. Der klassische Fall einer glücklosen Phase, vor allem wegen wachsender Hamburger Finanzmisere, vielleicht auch wegen der nicht perfekten Kompatibilität von englischer und deutscher Theateridee.

1991 war die Episode überstanden, Bogdanov arbeitete frei und international – weiterhin auch regelmäßig in Deutschland, zu nennen ist etwa sein „Peer Gynt“ für das Münchner Residenztheater mit Ulrich Tukur in der Titelrolle (1995). Als Opernregisseur machte er schon 1988 mit der Uraufführung von „Montag“ aus Stockhausens „Licht“-Zyklus an der Mailänder Scala von sich reden.

Auch blieb er ein höchst agiler, tief vernetzter Theatermacher. Er gründete mehrere Theatertruppen, 1986 die weltweit gebuchte English Shakespeare Company und 2003 die Wales Theatre Company, engagierte sich für Festivals. Seine Vorliebe, bekundete er, galt aber weiter der Arbeit mit deutschen Schauspielern. Noch im November 2016 hatte am Altonaer Theater sein „Don Quijote“ Premiere.

Im Alter von 78 Jahren ist Bogdanov jetzt gestorben, nach Angaben des NDR am Ostersonntag in Griechenland.

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