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Nachruf Der Finder des Kontrapunkts

Der Bühnenbildner, Regisseur und Förderer Wilfried Minks ist im Alter von 87 gestorben.

Theaterpreis "Der Faust"
Der Bühnenbildner und Regisseur Wilfried Minks, als er 2010 den „Faust“ Theaterpreis erhielt. Foto: dpa

Wilfried Minks war fünfzehn, als er zum Flüchtling wurde. In Böhmen kam er 1930 auf einem Bauernhof in unsere Welt, Ende des Krieges floh er mit den Eltern nach Wurzen, Sachsen. In Leipzig begann er ein Kunstgewerbestudium, wechselte rasch an die Berliner Akademie der Bildenden Künste – und trat 1959 sein erstes Engagement als Bühnenbildner an einem Theaterhaus an. In Ulm.

Das war ein Glücksfall für die deutsche Nachkriegstheatergeschichte. Denn in Ulm traf Minks auf den Intendanten Kurt Hübner und die Regisseure Peter Zadek und Peter Palitzsch. Sie waren damals alle noch jung, unbekannt, ungeduldig und wechselten 1962 gemeinsam nach Bremen, wo sie prägten, was heute sonderbarerweise gern abwertend als Regietheater gehandelt wird: ein Theater, das sich als eigenständige, widerborstige, einfallsreiche Kunst verstand. Ein Theater, bei dem sich die Regie nicht in Dienerschaft zum alleinigen Lobe des Textes ergeht, die Musik, das Licht, das Bühnenbild weder bloßer Hintergrund noch nachgeordnetes Beiwerk sind, sondern entscheidender Bestandteil eines Ganzen. Ohne Minks gäbe es dieses Gesamttheater nicht.

Wilfried Minks hat seine Bühnenbilder immer als eigenständige Kunstwerke begriffen, gern auch als Kontrapunkte, Widerhaken zum inszenierten Spiel. Er war es auch, der die Bildende Kunst auf die Bühne geholt hat, anfangs vor allem die Pop Art. Für Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ von Zadek, 1965 in Bremen, verwendete er Bilder Roy Lichtensteins. Das Theater fand damit Anschluss an die zeitgenössische Kunstwelt, an die Gegenwart und ihre Widersprüche überhaupt. Ohne Minks transparente Folien, mit denen die historische Distanz gleichermaßen behauptet wie hinterfragt wurde, wäre Peter Steins Bremer „Torquato Tasso“ nicht zur Berühmtheit gelangt. Ohne diesen riesigen, bühnenbeherrschenden Baum wäre Klaus-Michael Grübers „Penthesilea“ in Stuttgart nicht eine bis heute wieder und wieder gepriesene Arbeit. Als Minks später selbst zu inszenieren begonnen hatte, setzte er in den 80er Jahren Kleists Drama in Frankfurt wieder ins Bild – mit einer Mauer aus verrosteten Tonnen.

Seine erste Inszenierung war noch in Bremen entstanden, Schillers „Maria Stuart“, 1972. Es hieß, man sehe dem Regisseur Minks den Bühnenbildner an – das durfte man auch als Lob verstehen.

Wilfried Minks inszenierte in den Jahrzehnten danach immer wieder, an der Berliner Schaubühne („Hypochonder“ von Botho Strauß zum Beispiel), am Hamburger Thalia Theater (wieder Botho Strauß), in Wien, in Bochum, zuletzt auch häufig am St. Pauli Theater in Hamburg – und in Frankfurt, Heiner Müllers „Auftrag“ etwa. 1978 war er gemeinsam mit Johannes Schaf auch als Leiter des Schauspiels bestimmt worden, aber sie zerstritten sich rasch.

Bleiben wird vor allem dennoch seine Bühnenbildkunst, die immer auch Regiekunst war. Dieter Dorn, Claus Peymann, Luc Bondy, Fassbinder – sie haben alle in hohem Maße von ihr profitiert. Minks wusste die Regie und sich selbst stets zu überraschen. Zuletzt in der Zusammenarbeit mit René Pollesch. Für dessen Inszenierung „Ich kann nicht mehr“, vergangenes Jahr am Hamburger Schauspielhaus, erfand er übergroße Bühnenhühner auf Rollen. Was für ein Einfall.

Das Beste, was diesem Künstler geschehen konnte: Er hat keinen wiedererkennbaren Stil begründet, keine Schule, keine Machart. Er hat sich alle Freiheiten genommen, die es brauchte, aber sich nicht ins Beliebige, Austauschbare verloren. Übrigens hat er vieles auch selbst hergestellt oder wenigstens vorgemacht, wie was zu sägen und hämmern ist. Und viele hat er mit seiner Offenheit und seiner Neugierde angesteckt, gefördert, von Eric Wonder bis Barbara Ehnes. Wilfried Minks ist einer, der sich nicht in Verbitterung und Besserwisserei zurückgezogen hat, zum Glück. Nun ist er, wie die Akademie der Künste am Dienstag bestätigte, gestorben.

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