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Nachruf Der Charakterkopf

Zum Tod des großen Schauspielers Hans-Michael Rehberg.

Hans-Michael Rehberg
Der Schauspieler Hans-Michael Rehberg. Foto: dpa

Blickte man aus dem Theaterparkett auf Hans-Michael Rehberg, sah man in einen Abgrund, in ein Schwarzes Loch aus Verzweiflung und Boshaftigkeit, das so lange gierig jede Aufmerksamkeit an sich zog, bis es sich schließlich selbst zu verschlucken drohte. Das tat es aber nicht. Stattdessen stieß Rehberg all das, was sich in seinen Abgründen gesammelt hatte, unvermittelt wieder aus. Als, wie der Theaterkritiker und Rehberg-Fan Gerhard Stadelmaier einmal schrieb, grandios grausigen Lebensschreckenslaut. Der fuhr den Zuschauern gewaltig in die Glieder – und wer es einmal erlebt hat, wird es nicht vergessen.

So ein Ausnahmeschauspieler wie Rehberg brauchte auf der Bühne vor allem eines: Platz. Weshalb er, um den sich alle großen Regisseure von Andrea Breth bis Peter Zadek rissen, sehr gerne mit solchen zusammenarbeitete, die es verstanden, ihm die Szene freizuräumen. Am liebsten mit Dieter Giesing oder, in den 90ern, als Protagonist und Co-Direktor des Schauspiel Köln mit Günter Krämer, häufig im berserkernden Zusammenspiel mit der verletzlichen Ingrid Andree.

Sein Vater, der Dramatiker Hans Rehberg, schrieb heroische Stücke über große Solitäre der Geschichte, verbandelte sich früh mit den Nazis, floh nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Familie aus Fürstenwalde bei Berlin an den Starnberger See.

Mit 30 Jahren Bayerischer Staatsschauspieler

Der Sohn fremdelte zuerst mit dem Heldenfach: Im Ensemble des Münchener Residenztheaters verpasste man dem Scheuen Anfang der 60er Jahre den Spitznamen „Rehlein“. Mit 30 Jahren wurde er schon zum Bayerischen Staatsschauspieler ernannt, aber zum Star stieg er erst nach einem Wechsel ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg auf: Als Pastor Manders in Luc Bondys „Gespenster“-Inszenierung, als Robert in Harold Pinters „Betrogen“. Als er Anfang der 80er Jahre nach München zurückkehrte, erlebte er als Baumeister Solness unter Peter Zadek – und gemeinsam mit seiner damaligen Frau Barbara Sukowa – seinen größten Bühnentriumph.

Freilich ließ sich Rehbergs römischer Charakterkopf auch gut fotografieren: Weshalb sich sein Leichenbitterlächeln auch Fernsehzuschauern und Kinogängern eingeprägt haben dürfte. Rehberg light war in Ottfried Fischers Krimiserie „Pfarrer Braun“, wo er den eitlen Vorgesetzten des ermittelnden Landpfarrers gab. Er konnte nämlich auch lustig. Wer indes mehr als nur eine Ahnung von der dämonischen Kraft gewinnen will, die Rehberg zu entfesseln imstande war, muss auf seinen kurzen Auftritt als Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß in Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ harren.

Aber die Bühne blieb Rehbergs Heimat, zuletzt spielte er am 28. Oktober den Seher Teiresias in „König Ödipus“, wieder mal im Residenztheater. Niemand sonst konnte so überzeugend vermitteln, dass er in den Abgrund der Wahrheit geblickt hatte. Hans-Michael Rehberg ist am Vormittag des 7. November im Alter von 79 Jahren in Berlin gestorben.

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