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Münchner Kammerspiele Schäbige Länder

Überwiegend düstere Blicke: Kerouac, Labiche und Uisenma Borchu zum Saisonauftakt der dritten Spielzeit von Matthias Lilienthal.

Premiere "On the Road"
Das Ensemble von ?On the Road? an den Münchner Kammerspielen. Foto: David Baltzer (Kammerspiele München)

Unerklärliche Mattigkeit hat sich über den riesigen Hinterhof gelegt, es ist dunkel, Wind fegt durch den Wellblech-Verschlag und über die entzündeten Leiber und Seelen der Akteure. Angeschlagene, Angezählte, Verlorene. Die sieben Spieler (vier Schauspieler, drei Musiker) sind gefangen auf der wunderbar ranzig-kalten Bühne, die Regisseur David Marton für seine Musiktheaterversion von „On the Road“ in den Münchner Kammerspielen hat aufbauen lassen.

In einem 20-tägigen Schreibexzess bringt Jack Kerouac im April 1951 in New York City ein Zentraldokument der Beat-Generation zu Papier: auf eine meterlange Rolle, die Anfang der 2000er Jahre bei Christie’s für fast 2,5 Millionen Dollar versteigert wird – das kapitalistische Ende der Antikonformismus-Bewegung? Textfetzen reißen die geschundenen Beatniks von der Papierrolle auf der Bühne ab, sie lesen vor und stopfen sich dann die Papierstücke als Windschutz unter die Hemden. „Der reine Wahnsinn, dieses schäbige gelobte Land, das phantastische andere Ende Amerikas.“ Klassik-Fragmente, die mit Jazz-Bruchstücken sprechen (angeführt von Paul Brody an der Trompete, Michael Wilhelmi und David Dorsch), dazu die dunkle Stimme von Jelena Kuljic, die als Allround-Akteurin an diesem zweistündigen Abend glänzt.

Überladene Szenen, in denen der eingeübte Improvisations-Duktus des Kollektivs nahezu klebrig wirkt, gibt es einige, etwa zu Beginn, als das Ensemble ungestüm lärmt: Bitte alle mal freimachen! Dann wieder, wenn der Fokus auf Einzelnen liegt, stille Überraschungen. Julia Riedler und Thomas Schmauser erzählen ein und dieselbe Situation mit dem Rücken zum Publikum – der Kerouac-Machismo klingt aus dem Mund einer Schauspielerin nochmal ganz anders.

Gerahmt wird der Blick auf eine fast ausgeblendete Generation im gespaltenen Amerika von einer zu Beginn und gegen Ende nahezu identischen, extrem gedehnten Sequenz: Schmauser zieht wieder und wieder ein Whiskey-Glas mit Wucht auf einem Tisch von vorn nach hinten und blickt versoffen und zutiefst ernüchtert zwischen den repetitiven Bewegungen ins leere Glas. Ein schabendes Geräusch, ein Loop, der ins Blaue zielt. War da was? In mir? Martons Inszenierung ist ästhetisch weniger gewagt als vorangegangene Arbeiten: Ist dem depressiven Blick auf die Freiheit der Suche ein Verlust von Leichtigkeit geschuldet?

Harter Schnitt: Am nächsten Abend des Saisonauftaktwochenendes wird eine Komödie Eugène Labiches, „La poudre aux yeux“ (neuübersetzt für die Kammerspiele von Tobias Haberkorn unter dem Titel „Trüffel Trüffel Trüffel“) von Regisseur Felix Rothenhäusler wiederbelebt. Auf der mit rosa Teppich ausgeschlagenen Bühne mit geometrischem Silberstachel, ein Speed-Festival: Das achtköpfige, gut aufgelegte Ensemble mit Annette Paulmann im Zentrum rast an der Rampe stehend dankenswerterweise in einer Stunde durch das doch recht zähe Stück. Dessen Gesellschaftskritik im Komödiengewand des 19. Jahrhunderts kann auch durch überzeugende Einfälle nicht ins Heute gerettet werden, wie den reichen, aber peinlichen Holzfälleronkel, der hier langbeohringt und silberbezahnt in Fitnesstudiohose einherstelzt.

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